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Wappen der Marinekameradschaft KSS e.V. Warnemünde: Anker mit LorbeerkranzDie Geschichte von KSSKüstenschutzschiffe der Volksmarine 1956–1990
Episoden und Gedanken

Saßnitz als Marinestützpunkt (Teil 2, 1945 – 1990)

Zweiter Teil der Geschichte von Saßnitz als Marinestützpunkt: von der Seepolizei und Volkspolizei-See über die Seestreitkräfte bis zur Volksmarine. Beschrieben werden Stationierungen, Strukturen, Katastrophen wie die Strandung des MLR 6-33 und der Brand auf KSS 1-61, die Baubelehrung und Indienststellung der ersten KSS Projekt 50 sowie die Präsenz von Grenzbooten, Werft und sowjetischen Einheiten bis 1990.

Ergänzungen zu Teil 1

Das Heft 8 der KSS-Reihe schilderte die Geschichte von Saßnitz als Marinestützpunkt bis zum Jahr 1945. Aus unserer Leserschaft gingen zu diesem Beitrag zwei Hinweise ein. Herr Bechert fand in der Ostseezeitung vom 28. August 2009 in der Reihe „Sassnitz vor 100 Jahren“ folgenden Artikel:

Das Rügensche Kreis- und Anzeigenblatt schrieb in seiner Ausgabe vom 28. August 1909: „Saßnitz. Zu dem jetzt hier weilenden Geschwader werden nun außer den ganzen Torpedobootsflottillen noch etwa 20 große Kriegsschiffe stoßen, so dass am Sonnabend und Sonntag etwa 100 Fahrzeuge vor Saßnitz sein werden. Sicherem Vernehmen nach trifft am Montag früh gegen 7 Uhr seine Majestät auf der Kaiserjacht „Hohenzollern“ hier ein, um in der hiesigen Bucht die Flottenparade abzunehmen. Es wird dies die größte Flottenformation sein, die es je in der Ostsee gegeben hat …..“

Interessant ist die Passage in Zeile 2 „zu dem jetzt hier weilenden Geschwader“. Das weist auf eine längere Stationierungsperiode eines Geschwaders hin und stützt damit die Vermutung, dass die Kaiserliche Marine den Hafen Saßnitz als Manöverstützpunkt nutzte.

Recherchen des Fischerei- und Hafenmuseum Saßnitz ergaben, dass die von mir für das Jahr 1940 genannte Hafenüberwachungsstelle offensichtlich keine Dienststelle der Marine war, sondern durch die Wehrmacht betrieben wurde. Als Beleg dient, dass in den letzten Kriegsmonaten ein Major der Wehrmacht, der ehemalige Zollrat Walter Roggatz, Leiter dieser Überwachungsstelle war.

Marine in Saßnitz nach 1945

Ich hatte mich dazu bereits im Teil 1 des Saßnitz-Beitrages positioniert, möchte es hier aber noch einmal wiederholen: Mir ist bekannt, dass man seit 1993 Sassnitz schreibt, nicht mehr Saßnitz. Da mein Recherche-Thema aber mit dem Jahr 1990 endet, erlaube ich mir, auch in diesem Beitrag noch durchgehend die alte Schreibweise zu benutzen.

Im Teil 1 waren schon Personen und Institutionen aufgeführt, die mich bis zu diesem Zeitpunkt bei meinen Recherchen unterstützt hatten. In Vorbereitung auf den Teil 2 sind weitere Helfer zu nennen, bei denen ich mich herzlich bedanken möchte:

  • Egon Wirth, Fregattenkapitän a. D., Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Schiffahrts- und Marinegeschichte,
  • Norbert Eisert, Fregattenkapitän a. D., letzter Leiter der UA Ingenieurbauwesen im Kommando der Volksmarine
  • Uli Griebenow, Fregattenkapitän a. D., Stützpunktkommandant in Saßnitz 1981bis 1988
  • H.-Peter Baumgärtel, Kapitänleutnant a. D., ehem. Angehöriger Marinepionierbataillon 18

Trotz umfangreicher Bemühungen ist es mir leider nicht gelungen, Fotos von militärischen Einheiten in Dwasieden oder von Bauten dieser Dienststelle während ihrer Nutzungsphase durch maritime Kräfte der DDR aufzutreiben. Ähnliches trifft auch für militärisch genutzte Gebäude im Saßnitzer Hafen zu. Die viel beschworene Geheimhaltung – Fotoverbot inbegriffen – hatte wohl zu gut funktioniert. Einige Bilder von heute noch stehenden Ruinen sind leider nur ein notdürftiger Ersatz. Die verfügbaren Schiffs-Fotos zeigen nicht immer die Bordnummern, die für den geschilderten Zeitabschnitt gerade aktuell waren. Wenigstens stimmt dann aber der Schiffstyp.

Einleitend ein kleiner Exkurs zum Stichwort „Stützpunkt“. Dieser Begriff lässt zwei Interpretationen zu: Stützpunkt im allgemeinsten Sinne – darunter versteht man ein Objekt, das mit entsprechenden Liegeplätzen und geeigneter Infrastruktur dazu dient, Kampf- und/oder Hilfsschiffe dauerhaft oder zeitweilig zu stationieren. Im Saßnitzer Hafen unterlagen die Liegeplätze ab Kopf der Westmole bis zum Fähranleger einer militärischen Nutzung. Landseitig begann das Nutzungsgebiet im Südwesten unterhalb der Steilküste von Dwasieden, sperrte durch einen Kontrollposten die Zufahrt zum Hafen in Höhe des VEB Fischverarbeitung ab, dehnte sich zwischen Fischverarbeitungswerk und Rangiergelände der Deutschen Reichsbahn bis an den Fuß des Steilhanges aus und endete im Nordosten unmittelbar vor dem Fähranleger. Auf diesem Territorium verteilten sich Dienst-, Unterkunfts-. und Sozialgebäude, Werkstätten, Lager, sowie Versorgungsanschlüsse für Trinkwasser, Strom und Dampf. Eine Gleisanbindung stand sowohl dem Fischverarbeitungswerk als auch militärischen Transporten zur Verfügung.

Militärisch genutztes Areal im Saßnitzer Hafen (Prinzipskizze, nicht maßstäblich))
Militärisch genutztes Areal im Saßnitzer Hafen (Prinzipskizze, nicht maßstäblich)) Broschüre Teil 9, Seite 5Bildnachweis des Heftes: Fotos: Dieter Flohr, Internet, Dieter Liebenau, Hans Mehl, Hartwig Niemann, Egon Wirth

Stützpunkt (manchmal Stützpunkt-Kommando genannt) – das war im speziell maritimen Sprachgebrauch aber auch die Bezeichnung einer militärischen Formation, die unter Führung eines Stützpunkt-Kommandanten mit ausreichend Personal und geeigneter Technik die Aufgabe hatte, die Infrastruktur des Stützpunktes in seiner ersten Bedeutung instand zu halten und stationierte Schiffskräfte oder auch andere Einheiten materiell und technisch sicherzustellen. Wie vielseitig diese Aufgaben sein konnten, lässt sich aus einem Strukturschema des Stützpunktkommandos Saßnitz Mitte der 50iger Jahre erahnen (U-Abt. = Unterabteilung):

Strukturschema des Stützpunktkommandos Saßnitz Mitte der 50iger Jahre
Strukturschema des Stützpunktkommandos Saßnitz Mitte der 50iger Jahre Broschüre Teil 9, Seite 5Bildnachweis des Heftes: Fotos: Dieter Flohr, Internet, Dieter Liebenau, Hans Mehl, Hartwig Niemann, Egon Wirth
Leitung
├── U-Abt. Verpflegung        → Speisesaal/Küche
├── U-Abt. Bekleid. u. Material → Bekleidungswerkst.
├── U-Abt. Unterkunft         → Großbunkerstation
├── U-Abt. Seem. Ausr.        → Kfz-Transp.gruppe
├── Gruppe Schiffsrep.        → Brandsch.kommando
├── Gruppe Bewaffnung         → Klub
├── Revier                    → Signalstelle
└── Hafenkommando             → Bootsgruppe

Da in den folgenden Abschnitten beide Bedeutungen des Wortes Stützpunkt eine Rolle spielen, werde ich mich bei Verwechslungsgefahr bemühen, den Begriff in seiner zweiten Bedeutung mit „Stützpunkt (als Einheit)“ zu konkretisieren.

Die zuletzt gültige Kategorisierung des Stützpunktsystems der Volksmarine kannte laut DV 200/0/017:

  • Hauptbasierungspunkte,
  • Manöverbasierungspunkte,
  • Selbständige Stützpunkte, die direkt dem Chef der RD der VM unterstanden und
  • Zivile Häfen

Macht man sich den Spaß und wendet diese Kategorisierung auf den Stützpunkt Saßnitz ab dem Zeitpunkt an, als Ende 1956 in den maritimen Kräften der DDR die Flottillenstruktur eingeführt wurde, dann hätte dessen wechselvolle Geschichte nacheinander so ausgesehen:

  • Hauptbasierungspunkt der 3. Flottille
  • Hauptbasierungspunkt der (alten) 6. Flottille
  • Manöverbasierungspunkt unter Führung der 1. Flottille
  • Hauptbasierungspunkt der (neuen) 6. Flottille
  • Manöverbasierungspunkt unter Führung der 6. Flottille
  • Selbständiger Stützpunkt unter Führung des Chefs der RD der VM.

Nun aber der Reihe nach:

1. Seepolizei (1950 – 1952)

Rein polizeiliche Aktivitäten gab es in Mecklenburg bereits seit 1946, denn im April jenen Jahres erhielt Walter Steffens, ein bewährter Antifaschist, den Auftrag, eine Wasserschutzpolizei aufzubauen. Dabei wurde offensichtlich auch der Stützpunkt Saßnitz genutzt, denn aus verschiedenen Dokumenten ist für 1949 ein „Wasserschutzpolizei-Revier Saßnitz“ nachweisbar. Zur Verfügung standen ein paar kleine, recht betagte und kaum seetüchtige Boote. Im Dezember 1949 wurde die Wasserschutzpolizei aufgelöst. Für den Küstenbereich der DDR wurden drei Volkspolizei-Grenzbereitschaften gebildet, die in Greifswald, Stralsund und Bad Doberan stationiert waren. Ab 7. Januar 1950 übernahmen die Grenzbereitschaften die Sicherung der Küste und der 3-Meilen-Zone der DDR. Die seeseitige Sicherung war bis dahin ausschließlich Aufgabe der sowjetischen. Streitkräfte gewesen. Zusammen mit sowjetischen Einheiten kontrollierte die Grenzpolizei außerdem auch den Grenzkontrollpunkt (GKP) Saßnitz, den sie dann am 10. Juni 1950 eigenständig übernahm.

Mit Wirkung vom 16. Juni 1950 wurde die dem Ministerium des Innern unterstehende Hauptverwaltung für Seepolizei (HVS) gegründet. Ihr Leiter wurde der Generalinspekteur der VP Waldemar Verner. Auch wenn das Wort „Polizei“ noch im Namen stand, ging es von Anfang an um das Schaffen militärischer Strukturen als Gegengewicht zu den Aufrüstungsmaßnahmen in der Bundesrepublik. Im Juni/Juli bereisten die Seepolizei-Inspekteure Becker und Elchlepp die gesamte Ostseeküste der DDR, um ehemaliges Gelände der Deutschen Wehrmacht auf Verwendung für die Seepolizei zu prüfen. Als geeignet erwiesen sich dabei auch Saßnitz-Dwasieden und ein Teilstück des Saßnitzer Hafens. Beide Objekte fielen mit Wirkung vom 1. Juli 1952 unter Rechtsträgerschaft der Seepolizei.

Als erste Einheit der Seepolizei nutzte das im September 1950 formierte Bergungs- und Rettungskommando (BRK) den Stützpunkt Saßnitz. Es sollte die seeseitige Sicherstellung der im Aufbau befindlichen Flotte gewährleisten. Dazu wurden dieser Einheit kurz darauf das Taucherboot „LUMME“ und das Feuerlöschboot „BERGER I“ zugeführt. Bei beiden Schiffen handelte es sich um umgebaute Torpedofang-Boote der Kriegsmarine. Die „LUMME“ (ex „LOMMEL“) war bereits am 1. Mai in Dienst gestellt worden und kann für sich in Anspruch nehmen, das allererste Fahrzeug der Seepolizei gewesen zu sein. Im Dezember 1950 zählte der Personalbestand des BRK 20 Mann. Landseitig entstanden im Hafenbereich drei hölzerne Standardhäuser. Sie dienten als Unterkünfte für Seepolizei-Angehörige vorrangig aber als Stabs-, Arbeits- und Lagerräume. Mitte 1952 erhielt die Seepolizei das ehemaligen Zoll- und Bahnhofsgebäude am Fähranleger zugewiesen. Es wurde mit der Nachrichtenstelle und mit dem Stab des BRK belegt.

Taucherboot „LUMME“ – Quelle: Mehl/Schäfer/Israel: „Vom Torpedoboot zum Raketenschiff“
Taucherboot „LUMME“ – Quelle: Mehl/Schäfer/Israel: „Vom Torpedoboot zum Raketenschiff“ Broschüre Teil 9, Seite 6Bildnachweis des Heftes: Fotos: Dieter Flohr, Internet, Dieter Liebenau, Hans Mehl, Hartwig Niemann, Egon Wirth

Die operativen Kräfte der Seepolizei waren zunächst in einer Räumflottille mit Stützpunkt Wolgast organisiert, ehe die Flottille am 10.04.1951 in „Räum- und Küstensicherungsdivision“ umbenannt wurde. Eine erste operative Nutzung des Saßnitzer Hafens durch diese Einheit fand im Sommer 1951 statt. Anlass war das Weltjugendtreffen in Ost-Berlin. Adenauer hatte gedroht, dieses Treffen mit allen Mitteln zu verhindern. Die Regierung der DDR nahm diese Drohungen ernst und verstärkte die Grenzsicherung. Da die VP-Grenzbereitschaften alleine nicht in der Lage waren, den Schutz der Seegrenze zu gewährleisten, kamen dazu auch Boote der Seepolizei zum Einsatz. Über diese Episode berichtet Egon Wirth:

„Da der Stützpunkt Wolgast für diese Aufgabe ungeeignet war, wurden einsatzklare Räumboote vom Typ R-218, so auch unser Boot R-4, und verfügbare KS-Boote Typ Seekutter nach Saßnitz verlegt und machten hier an der Westmole fest. Alle Boote befanden sich in höchster Alarmbereitschaft. Es herrschte strenge Landgangssperre. Einige Boote befanden sich ständig in See und das bis Seegang 6-7, die anderen lagen auslaufbereit im Hafen. So weit ich mich erinnern kann, dauerte der Einsatz drei bis vier Wochen. Es war ein sehr entbehrungsreicher, harter Dienst. Aber keiner hat aufgemuckt und es gab auch keinerlei Vorkommnisse. Trotz des strengen Dienstes war diese Liegezeit eine Abwechslung gegenüber Wolgast.“

Räumboote Typ R-218 vor Saßnitz – Quelle: Mehl/Schäfer „DIE ANDERE DEUTSCHE MARINE“
Räumboote Typ R-218 vor Saßnitz – Quelle: Mehl/Schäfer „DIE ANDERE DEUTSCHE MARINE“ Broschüre Teil 9, Seite 7Bildnachweis des Heftes: Fotos: Dieter Flohr, Internet, Dieter Liebenau, Hans Mehl, Hartwig Niemann, Egon Wirth

Eine Sache, an die ich mich noch heute gerne erinnere, war das herzliche Verhältnis mit den Arbeitern des Fischwerkes. Von diesen wurden wir täglich kostenlos mit frischem und geräuchertem Fisch versorgt. Manchmal so viel, dass wir davon unsere Angehörigen zu Hause mitversorgen konnten. Nach Aufhebung der Landgangssperre hatten wir dann noch Gelegenheit, den Ort Saßnitz, der damals noch keine Stadt war, kennen zu lernen. Nach Aufhebung der zusätzlichen Grenzsicherungs-Maßnahmen verlegten die R- und KS-Boote zurück nach Wolgast. Schwerpunkt der folgenden Seeausbildung war für uns dann das Ein- und Ausbringen der Räumgeräte und das Fahren mit Gerät. “

Die Räum-und Küstensicherungsdivision übernahm ab November 1951 faktische Aufgaben zur Überwachung des Küstenvorfeldes der DDR. Dabei befanden sich jeweils zwei Boote in See und zwei weitere Boote lagen im Stützpunkt Saßnitz in 30-Minuten-Bereitschaft. Ein weiterer Hinweis auf Saßnitz für das Jahr 1951 findet sich in „Panorama maritim“, Heft 24/89. Hier schreibt Hans-Georg Rieschke im Zusammenhang mit Zuführungen neu gebauter Küstenschutz-Boote (KS-Boote) im Jahr 1951:

„Die Übernahme der KS-Boote ….. stellte für den Stab der R- und KS-Division eine schwere Belastung dar. Einerseits sollte der normale Dienstbetrieb reibungslos laufen, und zum anderen standen KS-Boote fahrbereit, deren Übernahme nur in Saßnitz und in Verbindung mit den Meilenfahrten in der Tromper Wiek durchgeführt werden konnte.“

Im Juni 1952 übergab die Seepolizei im Objekt Wolgast acht KS-Boote (Typ „Seekutter“) an die Grenzbereitschaft Rostock der Hauptverwaltung Deutsche Grenzpolizei. Nach kurzem Aufenthalt in Rostock wurden zwei dieser Boote mit den Bordnummern G 121 und G 122 der neu gebildeten Bootsgruppe Saßnitz der Grenzpolizei See zugeführt. Bei G 121 handelte es sich um den ersten Neubau eines militärischen Seefahrzeuges der DDR. Das Boot war im Jahr 1950 auf der Yachtwerft Köpenick fertig gestellt worden. Die Indienststellung erfolgte unter dem Namen „FREUNDSCHAFT“.

2. Volkspolizei-See (VP-See, 1952 – 1956)

Nachdem die Westmächte – auch auf Drängen der Adenauer-Regierung - einen Vorschlag der Sowjetunion vom März 1952 zur Schaffung eines wiedervereinten, neutralen Deutschlands abgelehnt hatten, war abzusehen, dass sich die Ost-West-Konfrontation weiter verschärfen würde. Damit war auch die politische Entscheidung zur schnellen militärischen Aufrüstung der DDR gefallen. Auf Beschluss der Regierung der DDR wurde im Juni 1952 die Kasernierte Volkspolizei geschaffen und in diesem Zusammenhang am 1. Juli 1952 die Seepolizei in Volkspolizei-See umbenannt. Im Rahmen dieser Maßnahme erhielt das BRK die neue Bezeichnung Bergungs- und Rettungsdienst (BRD). In Anlehnung an Strukturen der sowjetischen Seekriegsflotte wurden die wesentlichsten Kräfte und Mittel der VP-See ab Dezember 1952 in Form einer Flottenbasis (Flottenbasis Peenemünde, Dienststelle K17) zusammengefasst. Bereits ab August hatte der „Umzug“ der Räum- und KS-Boote der VP-See von Wolgast nach Peenemünde begonnen.

Das Jahr 1952 hielt für den Stützpunkt Saßnitz und die Dienststelle Dwasieden gleich mehrere Ereignisse bereit. Nur indirekt betroffen war Saßnitz vom Befehl Nr. 267/52 des Chefs der VP-See vom 27.08., der das Freiräumen eines Seegebietes östlich von Rügen beinhaltete. Diese Aufgabe wurde noch im September begonnen und zog sich dann bis Januar 1953 hin. Beteiligt waren die R-Boote 511 – 516, zwei KS-Boote als Bojenboote, zwei Versorgungslogger und zwei SHD-Fahrzeuge. Basishafen des Räumverbandes war Peenemünde. Obwohl es darüber keinen Beleg gibt, kann man davon ausgehen, dass zeitweise auch der Stützpunkt Saßnitz operativ mitgenutzt wurde.

Für November 1952 ist ein Zuwachs beim BRD (ein Schlepper, ein Schwimmkran ohne Eigenantrieb) und die Indienststellung des Flagg- und Schulschiffes „ERNST THÄLMANN“ zu vermelden. Dabei handelte es sich um ein ehemaliges dänisches Fischereischutzschiff, das unter der Flagge der Kriegsmarine bei Kriegsende beschädigt in Warnemünde gelegen hatte. Der Umbau zum Schulschiff erfolgte auf der Peene-Werft Wolgast. Auch wenn sich die Unterstellung des Schiffes mehrmals änderte, verblieb es bis zu seiner Außerdienststellung im Jahr 1961 und danach noch zwei weitere Jahre als Wohnhulk in Saßnitz.

Das wohl spektakulärste Ereignis waren die unter strengster Geheimhaltung erfolgenden Vorbereitungen für eine U-Bootlehranstalt der VP See in Dwasieden. Darüber berichtete Friedrich Elchlepp sehr detailliert und umfangreich in der „Militärgeschichtlichen Zeitschrift“ Heft 1/2003. Im September hatte man eine Pionierkompanie (Dienststelle 014) von Kühlungsborn nach Dwasieden verlegt, die unter der Tarnbezeichnung „Sonderobjekt S7“ zügig mit Bauarbeiten für die geplante Lehranstalt begann. In einem GVS-Bericht vom 09.12.1953 über die Entwicklung der VP-See in den Jahren 1950 – 1953 ist der Umfang der 1952 begonnenen Maßnahmen wie folgt beschrieben:

„In Dwasieden (Saßnitz) waren umfangreiche Enttrümmerungsarbeiten, Erschließung des Geländes, Aufstellung von fünf Unterkunfts-, zwei Wirtschafts-, vier Lehr- und einer Verwaltungsbaracke notwendig. Die Kapazität beträgt 700 Mann.“

Ab November zog man erfahrene U-Boot-Fahrer – überwiegend ehemalige Unteroffiziere der Kriegsmarine – zusammen und bereitete sie mit Unterstützung sowjetischer U-Boot-Offiziere auf ihre Rolle als Ausbilder vor. Von Dezember 1952 bis Januar 1953 wurde das Stammpersonal (etwa 180 Mann) formiert. Ab Ende Dezember trafen auch die ersten Kursanten an der U-Boot-Lehranstalt (auch 1. ULA genannt) ein. Nach Abschluss aller Zuführungen war die Zahl der Auszubildenden auf ca. 50 Offiziere, 150 Unteroffiziere und 280 Mannschaften angewachsen. Insgesamt waren ca. 660 Seepolizeiangehörige in der Dienststelle S7 untergebracht. Zum Leiter der Lehranstalt ernannte man Fregattenkapitän Heinrich Jordt. Die offizielle Aufnahme des Lehrbetriebes erfolgte am 05.01.1953. Der Unterricht verlief in drei Offiziers- und in mehreren Unteroffiziers- und Mannschaftsgruppen. Die Offiziersgruppen zu je 12 – 20 Mann bestanden aus einer Klasse für Kommandanten, einer für 1. Offiziere/Torpedooffiziere und einer für Ing.-Offiziere.

Noch im November hatten unter der Tarnbezeichnung „S8“ im Südteil des Saßnitzer Hafens Arbeiten begonnen, um infrastrukturelle Voraussetzungen für die Stationierung von U-Booten zu schaffen. Geplant waren eine Torpedowerkstatt, ein Batterieladeraum, ein Kompressorenraum zum Auffüllen von Luftflaschen, ein Torpedolager und ein Treibstoffdepot für 3000t Dieselkraftstoff. Befragte Teilnehmer der 1. ULA glauben sich zu erinnern, dass zu diesen Baumaßnahmen zwischen Westmole und Fährbecken auch die bis in die 2. Hälfte der 60iger Jahre bestehende, hölzerne Fingerpier zählte, an deren Ende auf einem Betonsockel ein Kran montiert wurde, der u. a. auch für die Übernahme von Torpedos vorgesehen war. Anleger aus Holz entstanden für U-Boote hafenseitig entlang der Westmole. Alle Liegeplätze wurden mit Dampf-, Wasser- und E-Anschlüssen komplettiert. Diese Stationierungsmöglichkeiten hätten durchaus für fünf U-Boote des Typs VII C der ehemaligen Kriegsmarine und zwei Boote der Bauserie XV des sowjetischen Typs „Maljutka“ ausgereicht, von denen gemunkelt wurde. In dem schon erwähnten Artikel von Friedrich Elchlepp ist allerdings nur von vorerst vier U-Booten des „Maljutka“-Typs die Rede. Letztendlich ist kein U-Boot in Saßnitz eingetroffen. Infolge der Ereignisse um den 17. Juni 1953 kam es auch zur Schließung der U-Boot-Lehranstalt zum 31.07.1953 und zur Einstellung der Baumaßnahmen.

U-Boot der Kriegsmarine Typ VII-C – Quelle: E. Bagnasco „U-Boote im 2. Weltkrieg”
U-Boot der Kriegsmarine Typ VII-C – Quelle: E. Bagnasco „U-Boote im 2. Weltkrieg” Broschüre Teil 9, Seite 9Bildnachweis des Heftes: Fotos: Dieter Flohr, Internet, Dieter Liebenau, Hans Mehl, Hartwig Niemann, Egon Wirth
sowj. U-Boot Typ “MALJUTKA” – Zeichnung: Wolfgang Kramer
sowj. U-Boot Typ “MALJUTKA” – Zeichnung: Wolfgang Kramer Broschüre Teil 9, Seite 9Bildnachweis des Heftes: Fotos: Dieter Flohr, Internet, Dieter Liebenau, Hans Mehl, Hartwig Niemann, Egon Wirth
U-Boot Typ VII-C sowj. U-Boot Typ „Maljutka“
66,5 m Länge 50 m
4,7 m Tiefgang 3,3 m
769 t/ 871 t Verdrängung ÜW/ UW 281 t/ 351 t
17 Kn/ 7,6 Kn Geschwindigkeit ÜW/ UW 13 Kn/ 7,4 Kn
bis 14 Torpedos gesamt 4 (?)
4 vorn, 1 achtern Torpedorohre 53,3 cm 2 vorn, 2 achtern
1x 8,8 cm, 2x 2cm Geschütze 1x 4,5 cm
44 Mann Besatzung 18 Mann

Im Sommer 1953 kam die Nachrichtenoffizierslehranstalt (Dienststelle H 6) von Stubbenkammer nach Dwasieden, aber nur, um schon im Oktober 1954 weiter nach Parow verlegt zu werden. Nicht viel besser erging es der Schiffsstamm-Abteilung, die als Dienststelle C 11 mit den Aufgaben Neueinstellungen und Grundausbildung per 1. Oktober 1954 in Dwasieden gemeldet war und 1958 nach Kühlungsborn abwandern musste. Von Umsiedlungen und Umbenennungen ebenfalls betroffen war die zum 01.02.1954 in Dwasieden formierte „Schutzkompanie“, welche Aufgaben zum Schutz vor Massenvernichtungswaffen erfüllen sollte.

Bereits im Mai 1953 war dem BRD der Hochsee- und Bergungsschlepper „WISMAR“ zugeführt worden. Es handelte sich um einen Umbau des ehemaligen dänischen Minenlegers „LOSSEN“. Dieses Schiff war bei fast jeder Wetterlage einsetzbar. Es verblieb bis zu seiner Außerdienststellung im Jahr 1962 beim BRD und löste hier zuverlässig eine Vielzahl von Aufgaben. Insgesamt verfügte der BRD Mitte 1953 in Saßnitz über folgenden Schiffsbestand:

  • zwei Feuerlöschboote (BERGER I und II, Bordnummern 921 und 922)
  • Bergungsschlepper „WISMAR“ (Bordnummer 926)
  • Seeschlepper Pr. 501/1 (Bordnummer 925)
  • Taucherboot „LUMME“ und Taucherkutter (Bordnummern 923 und 924)
  • Schwimmkran ohne Eigenantrieb
  • Barkasse
Schulschiff „ERNST THÄLMANN“ – Quelle: Dieter Flohr
Schulschiff „ERNST THÄLMANN“ – Quelle: Dieter Flohr Broschüre Teil 9, Seite 9Bildnachweis des Heftes: Fotos: Dieter Flohr, Internet, Dieter Liebenau, Hans Mehl, Hartwig Niemann, Egon Wirth
Schlepper „WISMAR“ (fotografiert nach 1958) – Quelle: Hans Mehl
Schlepper „WISMAR“ (fotografiert nach 1958) – Quelle: Hans Mehl Broschüre Teil 9, Seite 9Bildnachweis des Heftes: Fotos: Dieter Flohr, Internet, Dieter Liebenau, Hans Mehl, Hartwig Niemann, Egon Wirth

Eine deutliche Aufwertung erfuhr der Marinestützpunkt Saßnitz, als mit Wirkung vom 01.06.1954 der „Küstenabschnitt Saßnitz“ (Dienststelle H18) als ein eigenständiger Verband der VP-See formiert wurde. Sein erster Chef wurde Fregattenkapitän Heinz Irmscher. Aus der Unterstellung der Flottenbasis der VP-See Peenemünde wurde die 1. MLR-Division im Bestand von 6 Minenleg- und Räumschiffen (MLR) Typ „Habicht“ (611-616) herausgelöst und dem Küstenabschnitt übergeben. Allerdings hatten die Schiffe bereits viel früher nach Saßnitz verlegt. Egon Wirth erinnert sich:

„Die MLR Typ „Habicht“ mit den Bordnummern 611 bis 614 kamen schon im Januar von Peenemünde nach Saßnitz, um dort – nach dem Willen der Führung der Flottenbasis Peenemünde – eisfrei zu überwintern. Diese Hoffnung erfüllte sich nicht. Der Winter 1954 war so streng, dass sogar eine Fähre der Linie Saßnitz –Trelleborg 14 Tage im Hafeneis fest lag. MLR 615 befand sich zu dieser Zeit noch zu Nachrüstungsarbeiten in der Werft in Wolgast und MLR 616, auf dem ich als LI eingesetzt war, lag eingefroren in der Volkswerft in Stralsund fest. Beide Habichte komplettierten nach Ende der Eisperiode die MLR-Division in Saßnitz, die von Kapitänleutnant Werner Elmenhorst geführt wurde. Liegeplatz der Schiffe war die Westmole. Er sollte es auch lange bleiben, denn eine Rückverlegung nach Peenemünde fand nicht mehr statt. Die 1. MLR-Division wurde in den neu gebildeten „Küstenabschnitt Saßnitz“ eingegliedert.

Wir haben uns in Saßnitz sehr wohl gefühlt und ich möchte diese Zeit persönlich nicht missen. Ein Manko gab es allerdings: Wir mussten mit dem Trinkwasserverbrauch an Bord sehr haushalten und deshalb gab es feste Zeiten für die Wasserentnahmen. Grund der Sparsamkeit: Wir durften in Saßnitz kein Trinkwasser übernehmen, da die Kapazität des damaligen Wasserwerkes nicht ausreichte, um den VEB Fischverarbeitung und die MLR-Division zu versorgen. Die Produktion von Fischwaren hatte Vorrang. Wenn das Trinkwasser zur Neige ging, liefen die MLR zur Übernahme durch den Greifswalder Bodden über die Ost-Ansteuerung nach Stralsund. Dort angekommen wurde dann auch durch die jeweilige Besatzung ausgiebig von Landgängen Gebrauch gemacht.

Weitere Marineschiffe im Hafen (außer Hilfsschiffen) waren zu dieser Zeit das Flaggschiff der VP-See, die „Ernst Thälmann“, wegen ihres schwarzen Rauches beim Betrieb der Dampfmaschinen-Anlage im Marinejargon auch „Ruß-Willi“ genannt. Es hatte gegenüber der MLR-Division an der hölzernen Fingerpier festgemacht. Dort lagen auch sechs Binnen-Räumboote des Typs T-301 der Baltischen Rotbannerflotte Bei uns hießen diese Boote wegen der eigenartigen Form ihres Schiffskörpers scherzhaft „Bügeleisen“. Der Bootskörper bestand aus unverformten Blechplatten, die man stumpf aneinander geschweißt hatte. Zeitweise waren hier auch sowjetische U-Jäger vom „Kronstadt“-Typ zu beobachten.“

Zum 09.03.1955 wurde aus dem „Küstenabschnitt Saßnitz“ der „Küstenabschnitt I – Saßnitz“ formiert. Dieser Verband existierte auch weiterhin eigenständig neben der Flottenbasis Peenemünde. Für den Küstenabschnitt I ist im Juli 1955 folgender Schiffsbestand angegeben:

  • Flaggschiff „ERNST THÄLMANN“
    1. MLR-Division (MLR „Habicht“ 611 – 616)
    1. KS-Abteilung (Küstenschutzboote Typ „Seekutter“ 111 – 118)
  • Hafen- und Reedeschutzkommando Saßnitz (Hafen- und Reedeschutzboote Typ „Tümmler“ mit den Bordnummern184 – 186)
MLR Typ „Habicht“, Bordnummer. 6-32 (ex 612) – Quellen: Dieter Flohr
MLR Typ „Habicht“, Bordnummer. 6-32 (ex 612) – Quellen: Dieter Flohr Broschüre Teil 9, Seite 10Bildnachweis des Heftes: Fotos: Dieter Flohr, Internet, Dieter Liebenau, Hans Mehl, Hartwig Niemann, Egon Wirth
KS-Boote in der Hafeneinfahrt Saßnitz – Quellen: Dieter Flohr
KS-Boote in der Hafeneinfahrt Saßnitz – Quellen: Dieter Flohr Broschüre Teil 9, Seite 10Bildnachweis des Heftes: Fotos: Dieter Flohr, Internet, Dieter Liebenau, Hans Mehl, Hartwig Niemann, Egon Wirth

Der Zeitraum 1954/ 1955 bietet Gelegenheit, sich etwas näher mit dem Bergungs- und Rettungsdienst zu beschäftigen. Herr Dr. Stavorinus, zu dieser Zeit Angehöriger des BRD, stellte uns einige seiner Erinnerungen und ein Strukturschema zur Verfügung:

„Nach dem Examen an der Ing.-Offiziersschule in Kühlungsborn und dem anschließenden Urlaub wurde ich Anfang April 1954 zum BRD in Saßnitz als „Zusatz-Maschinenbau-Ing.“ versetzt. Das waren kaderpolitische Spielereien, um alle Absolventen des 2. See- und Ing.-Offiziers-Lehrgangs unterzubringen.

Der Stab des BRD (Org.-Schema auf der nächsten Seite) und seine Anhängsel waren in einem Neubau unterhalb der Signalstelle untergebracht. Chef war damals Kapitänleutnant Walter Mehlhorn, sein Stabschef Leutnant Rolf Franke und Politstellvertreter Oberleutnant Ströde. Die Schiffe und Boote des BRD waren im Bergungs- und Rettungskommando unter Kapitänleutnant Lehmbecker zusammengefasst. Die Taucher waren der technischen Abteilung unterstellt. Drei finnische Holzhäuser dienten u. a. als Ledigenheim für Offiziere und als Krankenrevier. Das zwischen den Bahngleisen gelegene Wirtschafts- und Sozialgebäude ging erst 1955 in Betrieb. Mitte 1954 musste der BRD das Stabsgebäude für die Führung des „Küstenabschnittes Saßnitz“ räumen und bezog das alte Verwaltungsgebäude der Reichsbahn, direkt am Fährbecken gelegen. Die Schiffe des BRD verholten an den Liegeplatz IX, ebenfalls am Fährbecken.

Mein direkter Vorgesetzter, Oberleutnant zur See (Ing.) Wilhelm Helm, ein Obermaschinist von der KM, wusste mit uns jungen Offizieren nichts anzufangen. Wir sollten uns selbst eine Beschäftigung suchen. Deshalb habe ich den Schriftverkehr geordnet und mir von der Leipziger Zentralbibliothek Bücher über Schiffsbergungen geliehen, um Grundlagen für Dienstvorschriften zu Bergungshandlungen zu Papier zu bringen.

Der BRD war in viele Aufgaben eingespannt. Er beteiligte sich an der Bergung eines U-Bootes vom Typ VII C vor Warnemünde. Das U-Boot „STICHLING“ lag dann im April 1954 in der Volkswerft Stralsund auf Querslip und war mit Mennige konserviert. Weiterhin hatte der BRD Gasmunition in Wolgast geborgen, das Wrack eines amerikanischen Bombers vor Stubbenkammer auf Sprengstoff untersucht und war im Frühjahr 1954 mit der Bergung von Torpedos aus einem vor Usedom liegenden Wrack beschäftigt. Es handelte sich um das Torpedowerkstattschiff der U-Boot-Lehrdivision, dass nach zwei Minentreffern gesunken war. Insgesamt wurden 57 Torpedos des Typs G7a gehoben und nach Wolgast verbracht, dazu zwei JUMO-Verdichter, allerlei Werkstattgerät und ein Patent-Anker. Um an die Torpedos heranzukommen, mussten die Seitenwände des Wracks aufgeschweißt werden. Unter vielerlei Schwierigkeiten wurde der dazu benötigte Sauerstoff aus Bützow mit unserem H3A-LKW herangeschafft. Damit hatte ich eine Aufgabe, die mir lag. Zwischendurch waren Seenot-Einsätze zu erledigen, Messfahrten in die östliche Ostsee zu absolvieren und Wracks zu suchen. Die Wrackkarte war geheim und der VEB Schiffsbergung und Taucherei war nicht bereit, uns seine Unterlagen auszuhändigen. Es fanden auch Navigationsbelehrungsfahrten statt. Den größten Teil dieser Aufgaben hatte die „WISMAR“ mit Oberleutnant Leo Stybel und danach mit Oberleutnant Robert Schmidt tadellos erledigt. Die „WISMAR“ hatte eine eingefahrene Besatzung, mit Robert Schmidt einen sehr erfahrenen Kommandanten und mit Alfred Skambraks einen LI der Sonderklasse.

Zu meiner Zeit waren der Schiffsbestand und dessen Einsatzmöglichkeiten für die zu lösenden Aufgaben unzureichend, die nautisch-technische Ausrüstung der Schiffe des BRD mies! Wir verfügten über kein Radar, die Funkpeiler waren meist nicht funktionsfähig, DECCA- oder LORAN-Geräte unerreichbar. Besonders unter schwierigen Wetterbedingungen war die Aufgabenerfüllung gefährdet. Bei einer Kommandostabsübung im Mai 1955 kam das Dilemma des Bergungswesens zur Sprache. Ein russischer Berater, ich glaube er hieß Abramow, kritisierte die Vernachlässigung des BRD. In Vertretung von Mehlhorn und Lehmbecker waren Oberleutnant Reuter und ich die Sündenböcke. Was sollten wir aber mit einem einzigen wirklich seetüchtigen Schlepper (der „WISMAR““) anfangen? Reedeschlepper und die „LUMME“ waren ein Notbehelf. Es gab nicht einmal gesetzliche Regelungen für das Mitwirken von Schiffen der zivilen Flotte.

Im Frühjahr 1955 war die „WISMAR“ vor Warnemünde im Einsatz um das Wrack eines U-Bootes vom Typ XXIII zu lokalisieren und seinen Zustand festzustellen. Obermeister Engelhardt, schon bei der Kriegsmarine Helmtaucher, hat das Wrack identifiziert und eine präzise Zeichnung angefertigt. Das Boot ist dann nach meiner Zeit gehoben und auf der Neptun-Werft untersucht und vermessen worden. Im Sommer 1955 begannen die Arbeiten zur Ausbringung des Seekabels für die Küsten-Horch-Anlage Typ „Tintenfisch“. Das erste Kabel wurde bei Mövenort verlegt. Dabei gab es allerlei Probleme, da das Kabel gegen den Drall in die Schute verladen worden war. Dieses Kabel war zugleich meine letzte Amtshandlung im BRD.“

Strukturschema des Bergungs- und Rettungsdienstes der VP-See 1954 – Quelle: Erinnerungen Dr. Stavorinus
Strukturschema des Bergungs- und Rettungsdienstes der VP-See 1954 – Quelle: Erinnerungen Dr. Stavorinus Broschüre Teil 9, Seite 12Bildnachweis des Heftes: Fotos: Dieter Flohr, Internet, Dieter Liebenau, Hans Mehl, Hartwig Niemann, Egon Wirth
Chef des BRD
├── Kader
├── Finanzen
├── VS-Stelle
├── Chiffrierer
├── Politstellvertreter
│     - Agit.-Prop.
│     - Parteisekr.
│     - FDJ-Sekr.
├── Intendant
│     B/A-Dienst | KFZ-Dienst | Verpfl.-Dienst | Seem.techn. Ausrüstung | TS-Dienst | Revier
├── Stabschef
│     Operativ-Abteilung | Navigations-Offizier | Nachrichten-Bereich |
│     - Org./Auff. - Polizei- u. Kdt.-Dienst - Einsatzleiter Wache
├── Bergungs- und Rettungs-Kdo.
│     921 Feuerlöschboot, 923 „LUMME“, 925 Schlepper Pr. 501/1, 926 „WISMAR“,
│     Schwimmkran, Barkassen
│     In Peenemünde: 922 Feuerlöschboot, 924 Schlepper
└── Technische Abteilung
      Schwerer Taucherzug | Taucher-Werkstatt

Für September 1955 wäre die Inbetriebnahme des Tanklagers Saßnitz als Bestandteil der „Wirtschaftsabteilung des Standortes Saßnitz“ zu vermelden. Das Lager war ganz im Südostteil des Hafenbereiches angesiedelt und einige der Bunker reichten bis in die Steilküste hinein. Unterstellung und Bezeichnung des Tanklagers werden sich noch mehrmals ändern. 1990 lautete die letzte Bezeichnung dann „Teillager des Treibstofflagers 18“. Das Treibstofflager 18 in Greifswald-Ladebow war Bestandteil des Versorgungs- und Ausrüstungslager 18 (VAL-18) in Waren.

3. Seestreitkräfte/ Volksmarine (1956 – 1990)

Das Jahr 1956 sollte für die maritimen Kräfte der DDR ein äußerst ereignisreiches Jahr mit gleich mehreren Strukturveränderungen werden. Am 18. Januar 1956 beschloss die Volkskammer der DDR das Gesetz über die Schaffung der Nationalen Volksarmee (NVA) und des Ministeriums für Nationale Verteidigung. Die Armee sollte aus Land-, Luft- und Seestreitkräften bestehen. Bereits einen Tag später ernannte Ministerpräsident Otto Grotewohl Generaloberst Willi Stoph zum Minister für Nationale Verteidigung. Die Aufstellung der Seestreitkräfte (SSK) der NVA erfolgte auf Befehl Nr. 4/56 des Ministers für Nationale Verteidigung vom 21. Februar 1956. Danach waren die „Verwaltung Seestreitkräfte“ bis zum 1. März 1956 – dem offiziellen Gründungstag der NVA – zu bilden und die Einheiten bis zum 1. Juli 1956 zu formieren. Im Zeitraum April bis Juli 1956 erfolgte die Übernahme der Stäbe, Einheiten und Einrichtungen der Volkspolizei-See. Dabei wurde zum 01.06. als neuer Verband die Flottenbasis Warnemünde formiert. Ab Juli tauchen dann die Bezeichnungen „Ost“ und „West“ für die Flottenbasen Peenemünde und Warnemünde auf. Schon zum 01.05. war aus dem „Küstenabschnitt I – Saßnitz“ die „Küstenabschnittsflottille II –Saßnitz“ geworden, die jetzt strukturell zur Flottenbasis Peenemünde gehörte. Das war für 1956 aber noch nicht alles. Bereits im Oktober 1956 erließ der Chef der SSK, Konteradmiral Felix Scheffler, den Befehl 205/56, der die Auflösung der Floba-Organisation und den Übergang zu einer Flottillenstruktur bei gleichzeitiger Verringerung der Personalstärke der SSK von 10.000 auf 8.500 Mann beinhaltete. Dieser Befehl wurde im Zeitraum November/Dezember umgesetzt. Dabei entstanden auch die 3. und die 6. Flottille, die beide in Saßnitz stationiert waren

Zurück zum Marinestützpunkt Saßnitz. Im bereits genannten Ministerbefehl vom 21. Februar waren für den Standort Saßnitz folgende Einheiten als durch die Seestreitkräfte zu übernehmend aufgeführt:

  • Küstenabschnitt I - Saßnitz
  • Bergungs- und Rettungsabteilung Saßnitz
  • eine Pionierkompanie
  • Sportklub Saßnitz der VP See

Etwas verwirrend an diesem Befehl ist, dass die BRD-Einheiten zu diesem Zeitpunkt schon mit „Abteilung“ tituliert wurden. In einschlägigen Dokumenten der SSK wird dieser Begriff erst ab Dezember 1958 gebraucht.

Umfangreiche Veränderungen im Kräftebestand gab es im Monat April. Der Küstenabschnitt I Saßnitz musste sechs KS-Boote und drei Hafen- und Reedeschutzboote nach Tarnewitz abgeben. Dafür verlegten die Stäbe und Boote der 2. R-Boots-Gruppe und der 2. Küstensicherungsgruppe von Peenemünde nach Saßnitz. Zum 1. Mai wurde der BRD in den Bestand der SSK übernommen. Aus dem Befehl Nr. 36/56 des Chefs der SSK zum Aufbau der Flottenbasis Ost (Peenemünde) ist dann auch der Schiffsbestand der unterstellten Küstenabschnittsflottille II - Saßnitz nach all diesen Veränderungen zum Stichtag 01.06.1956 genannt:

  • sechs MLR-Schiffe „Habicht“
  • zwölf R-Boote „Schwalbe“
  • sechs KS-Boote
  • drei Hafen-und Reedeschutzboote „Tümmler“
  • ein Feuerlöschboot
  • Kräfte des BRD.
Räumboot Typ „Schwalbe“ vor Saßnitz – Quelle: Dieter Flohr
Räumboot Typ „Schwalbe“ vor Saßnitz – Quelle: Dieter Flohr Broschüre Teil 9, Seite 14Bildnachweis des Heftes: Fotos: Dieter Flohr, Internet, Dieter Liebenau, Hans Mehl, Hartwig Niemann, Egon Wirth
Reedeschutzboot Typ „Tümmler“ – Quelle: Mehl/Schäfer „DIE ANDERE DEUTSCHE MARINE“
Reedeschutzboot Typ „Tümmler“ – Quelle: Mehl/Schäfer „DIE ANDERE DEUTSCHE MARINE“ Broschüre Teil 9, Seite 14Bildnachweis des Heftes: Fotos: Dieter Flohr, Internet, Dieter Liebenau, Hans Mehl, Hartwig Niemann, Egon Wirth

Mit Wirkung vom 15.07. wurde in den SSK ein neues Nummerierungssystem (mit Bindestrich) eingeführt. Alle in Saßnitz stationierten Kampfschiffe und Boote sollten in ihrer Bordnummer die Kennzahl 3 führen. Das ergab dann in einer ersten Version für MLR die Nummern 6-331 bis 6-336, für R-Boote die Nummern 7-351 bis 7-356 und 7-371 bis 7-376, für KS-Boote die Nummern 3-331 bis 3-336 sowie für „Tümmler“ die Nummern 4-031 bis 4-033. Diese Version war nur so kurzzeitig in Kraft, dass sich kaum noch jemand daran erinnert. Schon mit Beginn des Ausbildungsjahres 1957 wurde die erste Ziffer nach dem Bindestrich annulliert. Aus 6-331 wurde 6-31 usw. Das Nummernsystem mit Bindestrich blieb bis zum Beginn des Ausbildungsjahres 1959 in Kraft.

Berücksichtigt man neben den aufgeführten Kräften noch das Flaggschiff „ERNST THÄLMANN“, die Fahrzeuge des SHD, Grenzsicherungsfahrzeuge und die sporadisch in Saßnitz liegenden Einheiten der Baltischen Rotbannerflotte, dürfte damit wohl von der Anzahl her eine der dichtesten Belegungen mit Schiffskräften in der Nachkriegsgeschichte des Stützpunktes Saßnitz erreicht worden sein.

Ab August 1956 kommen endlich auch die Küstenschutz-Schiffe (KSS) des Projektes 50 ins Spiel, wenn vorerst auch nur als in Dwasieden untergebrachte Baubelehrungseinheit für die beiden ersten Schiffe. Mit der Aufstellung war Oberleutnant zur See Helmut Berger, der spätere erste Kommandant des KSS 1-62, beauftragt. Wem diese Einheit unterstellt oder untergeordnet war, konnte bisher nicht eindeutig geklärt werden. Vermutet wird für diese Periode eine Unterstellung direkt unter die Verwaltung Seestreitkräfte. Das KSS „BARZUK“ (Dachs) der Baltischen Rotbannerflotte (BRF) mit Bordnummer 272 machte am 21. August 1956 in Saßnitz fest. Es diente zur spezialfachlichen Ausbildung der Angehörigen der Baubelehrungseinheit. Es begann eine intensive Bordausbildung im Hafen und in See. Nach dreimonatiger Unterstützung verließ das sowjetische KSS am 22. November Saßnitz wieder. Am 6. Dezember liefen die zwei KSS der BRF „OLEN“ (Hirsch) und „TUR“ (Auerochse) in Warnemünde ein. Nach Abschluss verschiedener Übernahme-Maßnahmen verlegten beide Schiffe am 10. Dezember nach Saßnitz. Am 15. Dezember erfolgte der Flaggenwechsel bei gleichzeitiger Übernahme in die SSK der DDR. Die Schiffe erhielten die Bordnummern 1-61 (spätere Baunummer 50/1) und 1-62 (spätere Baunummer 50/2). Auf welche Bedingungen die KSS-Besatzungen 1956/57 in ihrem Basierungspunkt stießen, lässt sich aus Schilderungen von Manfred Kretzschmar und Uli Mädel wie folgt zusammenfassen:

„Die beiden KSS machten in Saßnitz im Päckchen an einer etwa 100 Meter langen Holzbrücke unmittelbar neben dem Fähranleger fest. Was Ausmaß der Schiffe, Technik, Energiebedarf und Besatzungsstärke betrifft, waren Kampfschiffe dieser Größenordnung hier etwas völlig Neues. Die Infrastruktur des Stützpunktes war anfangs mit der Sicherstellung der Küstenschutzschiffe schlichtweg überfordert.

So passte das Bordnetz von 220/127 V-Drehstrom nicht mit den Pieranschlüssen von 380/ 220 V zusammen. Bis es nach Wochen endlich gelungen war, transportable Drehstrom-Transformatoren mit der Ausgangsspannung 220/127 V zu beschaffen, die zwischen Landanschluss und Schiff geschalten werden konnten, mussten wir uns selbst behelfen. Um die raren Betriebsstunden der Dieselgeneratoren zu sparen, wurde jeweils auf einem der beiden Schiffe ein Hauptkessel unter Betriebsdruck gehalten. Ein Turbogenerator lieferte dann Strom für beide Schiffe. Damit dieses System funktionieren konnte, musste eine Hauptturbine mit all ihren Hilfsaggregaten in einem unökonomischen, betriebsbereiten Zustand gehalten werden. Dazu kam ein aufwendiger Personaleinsatz.

KSS 1-62 (Projekt 50) – Quelle: Dieter Flohr
KSS 1-62 (Projekt 50) – Quelle: Dieter Flohr Broschüre Teil 9, Seite 15Bildnachweis des Heftes: Fotos: Dieter Flohr, Internet, Dieter Liebenau, Hans Mehl, Hartwig Niemann, Egon Wirth

Probleme bereitete auch die Versorgung mit Heizöl. Über Monate war das ausschließlich mit Kesselwagen der Deutschen Reichsbahn nach dem Prinzip „freier Fall“ möglich. Die Haupt- und Hilfskesselanlagen waren auf russisches Flottenmasut F-20 konzipiert. Damit erreichten die Schiffe auch die im taktischen Formular geforderten Geschwindigkeiten und Reichweiten. Um den Import zu ersparen, wurde mit verschiedenen anderen Produkten experimentiert. Zunächst kam Braunkohlen-Teeröl aus DDR-Produktion zum Einsatz. Das ließ sich zwar wegen seiner geringen Viskosität zu jeder Jahreszeit problemlos übernehmen, verringerte die maximale Geschwindigkeit der Schiffe aber von 29 auf 25 – 26 Kn. Dann kam ein zweites DDR–Produkt zum Einsatz, das zwar bessere Leistung brachte, aber im Normalzustand so zähflüssig war, dass es im Schiff nur bei voller Leistung der Bunkerheizungen bewegt werden konnte und vor Übergabe an die Schiffe in den Kesselwagen an einem geeigneten Ort der Hafenbahn auf wenigstens 35 Grad vorgewärmt werden musste. Meist war nach der Hälfte der Übergabe erst einmal Rangieren zur erneuten Aufheizung des Heizöls notwendig. Es wird später noch zu berichten sein, dass dieses Heizöl im April 1958 sogar zu einem Brand auf KSS 1-61 führte.“

Inzwischen war in den SSK die Flottillenstruktur in Kraft getreten. Seit dem 15.11.1956 lag in Saßnitz nun die 3. Flottille, die von Korvettenkapitän Fritz Notroff als FCH geführt wurde. Sein Führungsorgan war im Stabsgebäude neben dem VEB Fischverarbeitung untergebracht. Unterstellt waren die 3. MLR-Abteilung, die 3. Räumabteilung und die 3. KS-Abteilung. Die 3. Flottille war auch für die Sicherheit des vom BRD geräumten Landobjektes verantwortlich, später ebenso für die Gebäude, die die SStA 1958 verlassen wird. Zur außerdem in Saßnitz zu stationierenden 6. Flottille unter Korvettenkapitän Alfred Schneider gehörten die Stoßkräfte der SSK – ab Dezember die zwei KSS und - zukünftig geplant - Torpedo-Schnellboote (TS-Boote). Sein Stab nutzte das alte Bahnhofsgebäude am Fährbecken.

Ab 1957 ging es dann auch in Saßnitz wieder etwas ruhiger zu. Einige Ereignisse sind aber doch erwähnenswert. Die erste Veränderung gab es mit Wirkung vom 1. Februar. Der Stab und landseitige Einrichtungen des BRD unter Walter Steffens wurden von Saßnitz zum Dänholm verlegt. Die Schiffskräfte verblieben als Bergungs- und Rettungsabteilung in Saßnitz. Ebenfalls noch im Februar wurde die selbständige Pionierkompanie in „Pionierzug der ing.-technischen Bauabteilung“ umbenannt. Sie verlegte im Juli 1957 zum Dänholm.

Für die Zeit um 1957 liegt eine schematische Darstellung der militärischen Objekte im Hafen Saßnitz vor. Sie wurde von Dieter Liebenau aus der Erinnerung gezeichnet. Er war ab Oktober 1956 im Stützpunkt Saßnitz (als Einheit) in der Funktion des Nachrichtenoffiziers tätig. Die folgende Prinzipskizze ist nicht maßstabgerecht:

Prinzipskizze der militärischen Objekte im Hafen Saßnitz um 1957 (gezeichnet von Dieter Liebenau)
Prinzipskizze der militärischen Objekte im Hafen Saßnitz um 1957 (gezeichnet von Dieter Liebenau) Broschüre Teil 9, Seite 16Bildnachweis des Heftes: Fotos: Dieter Flohr, Internet, Dieter Liebenau, Hans Mehl, Hartwig Niemann, Egon Wirth
Nr. Objekt Nr. Objekt
1 Stabsgebäude u. OP-Dienst 8 Bootshalle, seem.-techn. Lager
2 Nachrichtengebäude 9 Schiffsreparaturwerkstatt
3 Holz-Fertighaus (Friseur) 10 Torpedoregelstelle
4 Holz-Fertighaus (Tel.-Vermittlung) 11 Lagerräume für Schiffe
5 Sozialgebäude (Küche, Messen, Saal) 12 Torkontrollposten
6 Verkaufsstelle 13 Treibstofflager
7 Ehem. Hafenbahnhof (sporadisch genutzt) 14 Reedesignalstelle

Ende 1957/ Anfang 1958 etablierte sich das „Ausrüstungslager der SSK“ als eine direkt dem Chef der Rückwärtigen Dienste (RD) der SSK unterstehende Einrichtung in Saßnitz-Dwasieden. Wie dieses Lager selbst versorgt wurde und in Versorgungsaufgaben der SSK eingebunden war, ist aus dem Auszug eines Befehls ersichtlich. Darin heißt es unter der Überschrift „Ausrüstungslager“:

Wird versorgt:

  • von den zentralen Versorgungslagern der NVA und aus dem zivilen Sektor mit allen notwendigen materiell-technischen Gütern;
  • vom Stützpunkt der 3. Flottille (gemeint ist hier der Stützpunkt als Einheit) mit: Verpflegung und BA, Unterkunftsgerät, Feuerlöschgerät, Verbrauchsmaterialien, festen Brennstoffen, Haushaltsmitteln, Handfeuerwaffen, waffentechnischem Gerät und Munition, laufender Instandhaltung der Gebäude, Medikamenten, Verbandsstoffen, Kfz.-Ersatzteilen;

hat zu versorgen:

  • alle Einheiten und Dienststellen der Seestreitkräfte mit materialtechnischen Gütern entsprechend dieses Befehls

Infolge von Strukturveränderungen in den RD der SSK bzw. später der Volksmarine änderten sich Unterstellung, Bezeichnung, Bestand und Aufgaben dieses Objektes noch mehrmals. Im letzten Standortverzeichnis der NVA von 1989 taucht dann nur noch das bereits genannte Tanklager auf.

Im Schiffsbestand der 3. Flottille gab es 1957/1958 einige Veränderungen. So fuhr ab Mitte 1958 kurzzeitig ein siebentes MLR vom Typ „Krake“ mit Bordnummer 6-37 in der 3. MLR-Abteilung. Die 3. Räumabteilung wurde nach vorheriger Abgabe von drei Booten dann doch wieder auf 12 Boote aufgestockt. Auch die 3. KS-Abteilung bekam zwei weitere KS-Boote zugeführt und wurde dann in 3. U-Jagd-Abteilung umbenannt. Mit 11 Einheiten (vier MLR, vier Räumboote, drei KS-Boote) stellte die 3. Flottille 1957 auch das Gros der Kampfkernkräfte der SSK. Alles in allem: Mit dem Schiffsbestand der 3. Flottille und den zwei nun ebenfalls in Saßnitz liegenden KSS der 6. Flottille mit ihren 360 Mann Besatzung war in der Belegung des Stützpunktes gegenüber Mitte 1956 wohl nochmals eine Steigerung erreicht.

Am 6. Januar 1958 wurde mit entsprechendem militärischen Zeremoniell dem Verband der 6. Flottille die Truppenfahne verliehen.

Dann sind erst einmal drei Katastrophen zu vermelden, wobei von zweien die SSK direkt betroffen waren. In der Nacht zum 02.03. kam es erneut zu einem Brand im Fischverarbeitungswerk. Erneut deshalb, weil es fast genau ein Jahr vorher hier schon einmal gebrannt hatte. Das war in der Nacht vom 23./24. März 1957 gewesen. Damals hatte ein Meister Melchior, Angehöriger der 3. MLR-Abteilung, den Brand noch rechtzeitig bemerkt und auf seinem Schiff Feueralarm ausgelöst. Über das Diensthabenden-System wurden die Feuerwehren alarmiert. Unter Mithilfe von Angehörigen der SSK konnte so ein Großbrand noch rechtzeitig verhindert werden. Diesmal war es zu spät. Als das Feuer bemerkt wurde, hatte es sich bereits zu einem Großbrand ausgeweitet. Angehörige der SSK halfen sowohl bei der Brandbekämpfung als auch danach bei der Beseitigung der Schäden. Die unter Kommandant Pöschel dienende Besatzung des MLR-Schiffes 6-33 verpflichtete sich zum Beispiel, pro Mann acht Stunden Aufräumungs- und Aufbauarbeit zu leisten.

Doch nur wenige Tage später sollte dieses Schiff selbst Opfer einer Katastrophe werden.

Strandung MLR 6-33 vor Dwasieden – Quelle: Dieter Flohr
Strandung MLR 6-33 vor Dwasieden – Quelle: Dieter Flohr Broschüre Teil 9, Seite 17Bildnachweis des Heftes: Fotos: Dieter Flohr, Internet, Dieter Liebenau, Hans Mehl, Hartwig Niemann, Egon Wirth

MLR 6-33 strandete am 30.03. mit starker Steuerbord-Schlagseite vor der Steilküste Dwasieden. Ursache war der Ausfall beider Rudermaschinen in der Ansteuerung Saßnitz ca. 1,5 sm von der Küste entfernt. Bei starkem Schneetreiben, Wind 7-8 aus Nord-Ost und See 5-6 kam der Bergungsschlepper „WISMAR“ dem MLR noch zu Hilfe, konnte die Strandung vor der felsübersäten Steilküste aber nicht mehr verhindern. Da ein Längsseits-Gehen an den Havaristen wegen der schweren See nicht möglich war, stellte die „WISMAR“ mit dem Leinenschussgerät Verbindung zu 6-33 her. Die Besatzung des MLR – außer der an Bord verbliebenen Schiffssicherungsgruppe - wurde per Schlauchboottransport vom Bergungsschlepper übernommen. Die Schiffsicherungsgruppe wurde am Tag darauf abgeborgen. Der LI des MLR, Leutnant Tauchmann, verstarb an den Folgen einer Unterkühlung. Mit Hilfe des VEB Schiffsbergung und Taucherei Stralsund wurde das MLR am 10. April gehoben, nach Saßnitz geschleppt und drei Tage später in die Peenewerft überführt. Dort wurde es zum Rettungsschiff umgebaut.

Am 8. April gegen Mittag kam es zu einem Brand auf dem KSS 1-61. Während einer Masutübernahme trat plötzlich aus einem Peilstutzen im Turbinenraum fontänenartig Masut aus, spritzte auf heiße Aggregateteile, entzündete sich und weitete sich zu einem Großbrand aus. Die dabei entstehende Hitze war so groß, dass von der Backbord-Schiffswand in halber Turbinenraumlänge der graue Anstrich flächenweise in das Hafenwasser abglitt und die rötlichen Mennigegrundierung freigab. Das verführte den Operativen Diensthabenden des Stützpunktes Saßnitz zu der Falschmeldung an das Kommando der Seestreitkräfte, dass der Schiffskörper mittschiffs bereits glühe. Der Brand konnte durch Einsatz der Gasfeuerlöschanlage gelöscht werden. Da die Schiffe damals noch nicht über Schaummittel verfügten und auch keine Atemschutz-Kreislaufgeräte an Bord waren, wurde die Feuerwehr des Fischkombinates angefordert. Nach Freigabe des Raumes betraten zwei Angehörige des Maschinenabschnittes als Ortskundige in Begleitung von zwei Feuerwehrleuten mit Atemschutz-Geräten den Turbinenraum und bekämpften die letzten Schwelbrände in der Wärmeisolation an der Decke und der Backbord-Wand mit Schaumstrahlern. Gegen 14.30 Uhr dann endlich die Meldung: „Brand gelöscht, aber Turbinenraum schwarz wie die Hölle!“ Bei der Branduntersuchung stellte sich heraus, dass Reste von zähflüssigem Masut den Peilstutzen verstopft hatten und so Fehlpeilungen verursachten. Im Bunker entstand ein Überdruck, der schließlich den Pfropfen durch das Peilrohr presste und zum fontänenartigen Heizölausbruch geführt hatte. Die Brandschäden waren so beträchtlich, dass das Schiff in die Neptunwerft Rostock geschleppt werden musste. Erst Anfang Dezember war es wieder einsatzklar.

Nach all diesen Katastrophen fällt es schon leichter davon zu berichten, dass der Stützpunkt Saßnitz im August 1958 als Basis für Dreharbeiten zum DEFA-Film „Im Sonderauftrag“ diente. Die meisten Szenen wurden mit dem MLR 6-45 (Typ „Krake“) der 4. Flottille gedreht. Als „Film-Bordnummer“ diente die Bordnummer 6-95.

Mit Wirkung vom 1.Dezember 1958 wurde die 3. Flottille in Saßnitz aufgelöst. Befehlsmäßig hatte der Chef der 3. Flottille zu übergeben:

  • Schiffe und Boote an verschiedene Verbände und Einheiten (das Gros an die 1. und die 4. Flottille, einzelne Einheiten an das Erprobungszentrum Wolgast bzw. zu Umbauten in die Werft, ein Hilfsschiff an die 6. Flottille)
  • den Stützpunkt Saßnitz und den Nachrichtenknoten an den Chef der 6. Flottille
  • den SHD-Bereich, die Küstenbeobachtungsstellen Arkona, Stubbenkammer, Dornbusch und Barhöft, sowie die EM-Stelle Lauterbach an den Chef der 1. Flottille

Das hat zur Folge, dass sich der Schiffsbestand im Stützpunkt Saßnitz (jetzt takt. Nummer 26) stark reduzierte. Mit Stand vom 1. Januar 1959 ist er nur noch mit folgenden Kräften der 6. Flottille belegt:

  • 2 KSS
  • 4 Torpedofangboote
  • 1 Versorgerleichter
  • 2 Schlepper
  • 1 Feuerlöschboot
  • 1 Barkasse

Außerdem verfügte das unterstellte, zum Stützpunkt Saßnitz (als Einheit) gehörende Hafenkommando noch über mehrere kleinere Fahrzeuge für Transporte und Arbeiten. In Dwasieden und im Hafenbereich waren Einrichtungen der Rückwärtigen Dienste der 6. Flottille untergebracht. Dazu gehörten zum Beispiel verschieden Lager und Werkstätten: Munitionslager, Waffenwerkstatt, Schiffsreparaturwerkstatt, NFTM (nautische und funktechnische Mittel)-Lager und -Werkstatt, Seemännisch-technisches Lager.

Ebenfalls mit Wirkung vom 01.12.1958 hatte es Veränderungen im BRD gegeben. Die Schiffskräfte wurden in die BRD-Abteilungen I (Peenemünde) und II (Warnemünde) gegliedert und vorerst nur operativ der 1. bzw. der 4. Flottille unterstellt. Alle schon vorher in Saßnitz stationierten BRD-Einheiten verblieben hier, finden sich jetzt aber im Struktur-Schema der BRD-Abteilung I wieder. Diese Schiffe, das Schulschiff und Fahrzeuge des SHD komplettierten den Schiffsbestand im Saßnitzer Hafen zu diesem Zeitpunkt.

Aus Dokumenten des Jahres 1959 ist ersichtlich, dass dem Stützpunkt Saßnitz (als Einheit) neben den eigentlichen, durch und für die 6. Flottille gestellten Aufgaben, eine ganze Reihe externer Aufgaben zugewiesen waren. In diesen Dokumenten heißt es:

….. hat zu versorgen:

  • die zentrale Funkstelle, Standortmusikkorps Saßnitz, Ausrüstungslager, Nachrichtenlager, Küstenbeobachtungsstellen Arkona und Stubbenkammer mit: Verpflegung und B/A, Unterkunftsgerät, Feuerlöschgerät, Verbrauchsmaterialien, festen Brennstoffen, Haushaltsmitteln, Handfeuerwaffen, waffentechnischem Gerät und Munition, laufender Instandhaltung und Werterhaltung der Gebäude, Medikamenten, Verbandsstoffen, KfZ.-Ersatzteilen
  • das Schulschiff „Ernst Thälmann“ auf allen Gebieten der Versorgung und Ausrüstung (außer Haushaltsmitteln)
  • die Leuchtfeuer- und Nebelsignalstationen auf Rügen mit: Unterkunftsgerät, Feuerlöschgerät, Verbrauchsmaterialien, laufender Instandhaltung und Werterhaltung der Gebäude und festen Brennstoffen

In den bisherigen Ausführungen noch gar nicht eingegangen wurde auf militärische Bestimmungen zum Hafen Saßnitz selbst. Ein Auszug aus der Dienstvorschrift 650/1 „Bestimmungen für den Schiffsverkehr auf Reeden und in den Häfen der SSK“ von 1959 soll das nachholen:

„Der Hafen und die Reede umfassen folgendes Gebiet: a) den Hafen Saßnitz zwischen dem Küstenstreifen der West- und der Ostmole. Er wird innen nach Osten durch eine Linie von Rammdalben - Einfahrt Fährbecken – in rechtweisend 180 Grad zur Ostmole abgegrenzt. b) die Reede Saßnitz ist begrenzt durch ….(es folgen vier Koordinaten) Alle Signale, die den Schiffs- und Bootsverkehr regeln, werden durch die Reedesignalstelle Saßnitz gegeben, die sich rechtweisend 321 Grad vom Ostmolenfeuer auf der Steilküste befindet. ….. Die Fährschiffe haben beim Ein- und Auslaufen das Vorrecht. Das Vorrecht entfällt bei Gefechtsalarm. Dabei ist von der Signalstelle des Hafenamtes auf Anweisung des Flottillenchefs das Hafensperrsignal zu setzen. Die Bebunkerung von Schiffen und Booten im Tanklager des Fischkombinates ist nur auf Anweisung des OP-Dienstes der Flottille durchzuführen. Der OP-Dienst hat entsprechende Absprachen mit den Verantwortlichen beim Fischkombinat zu führen.“

1959 wurde in Saßnitz eine Hafenkommandantur als Dienststelle des Militärtransportwesens der SSK eingerichtet. Weitere solche Dienststellen gab es in Wolgast und Wismar. Die Dienststellen unterstanden der Abteilung Transportwesen im Stab der SSK. Diese Abteilung wurde 1963 in Abteilung Seeverbindungen umbenannt. Die Hafenkommandantur Saßnitz wurde 1965 aufgelöst.

Aus KSS-Sicht darf für 1959 natürlich nicht fehlen, dass ab Juli in Dwasieden die Baubelehrung für die Besatzungen der nächsten beiden Schiffe begann. Die Indienststellung der beiden KSS erfolgte dann am 10. Oktober im Hafen Saßnitz durch den Minister für Nationale Verteidigung der DDR, Armeegeneral Willi Stoph. Die Schiffe erhielten die Bordnummern 601 (spätere Baunummer 50/3) und 701 (spätere Baunummer 50/4).

2 KSS und MLR Typ „Habicht“ im Päckchen – Quelle: Dieter Flohr
2 KSS und MLR Typ „Habicht“ im Päckchen – Quelle: Dieter Flohr Broschüre Teil 9, Seite 19Bildnachweis des Heftes: Fotos: Dieter Flohr, Internet, Dieter Liebenau, Hans Mehl, Hartwig Niemann, Egon Wirth

Zum 31.12.1959 kam es zur Auflösung der 6. Flottille. Der Stützpunkt Saßnitz wurde jetzt mit takt. Nr. 25 dem Chef der 1. Flottille unterstellt. Die Nummer 25 blieb bis zum 1. Mai 1963 gültig. Leider war nicht eindeutig zu ermitteln, welche Kampfschiffe der ehemaligen 6. Flottille – außer den vier KSS – auch weiterhin in Saßnitz verblieben, bzw. hier stationiert wurden. In der Chronik der Torpedoschnellboots-Brigade findet sich keinerlei Hinweis auf Saßnitz. Genannt werden für diese Zeit lediglich der Dänholm und kleinere Manöverstützpunkte, wie zum Beispiel Barhöft. Sehr ausführliche Angaben liegen per 1. Januar 1960 zum Bootsbestand des Stützpunktes (als Einheit), eingeschlossen dessen Hafen-Kommando, vor:

  • zwei Hafen- und Reedeschutzboote Typ „Tümmler“
  • drei Barkassen
  • zwei Verkehrsboote
  • zwei Motorarbeitsboote
  • zwei Schwimmtanks
  • vier Kutter K10
  • zwei Arbeitsboote für den SHD

Auch der BRD wurde Ende des Ausbildungsjahres 1959 als selbständige Einheit aufgelöst und mit der neuen Bezeichnung Bergungs- und Schutzdienst (BSD) in die Rückwärtigen Dienste der Flottillen eingegliedert. Die Verbände hatten damit innerhalb ihrer Verantwortungsgebiete Bergungsaufgaben eigenverantwortlich zu lösen. Die in Saßnitz liegenden Einheiten der BRD-Abteilung I finden sich schließlich in der 1. Hilfsschiffs-Abteilung der 1. Flottille wieder. Diese Abteilung bestand dann 1961 aus vier Gruppen: 1. Gruppe mit Bergungs- und Rettungs-Aufgaben, 2. Gruppe mit Schiffen zur materiellen-technischen Sicherstellung, 3. Gruppe SHD-Boote, 4. Gruppe mit zeitweilig operativ unterstellten Erprobungsfahrzeugen. Mit Übernahme des Stützpunktes Saßnitz durch die 1. Flottille verlegte die 1. Hilfsschiffs-Abteilung zusätzlich zu den bereits hier stationierten weitere Hilfsschiffe von Peenemünde nach Saßnitz.

Zum 1. Januar 1960 kehrte die Pioniereinheit der SSK jetzt unter der Bezeichnung „Zentrales pioniertechnisches Kommando“ nach Saßnitz-Dwasieden zurück. Aber nicht für lange Zeit! Schon zum 1. Januar 1961 erfolgte die Umbenennung in „Selbständige Hafenbautechnische Kompanie“ bei gleichzeitiger Verlegung zuerst nach Kühlungsborn, dann nach Darßer Ort zum Bau eines kleinen Manöverstützpunktes für Schnellboote.

Namensgebung der KS-Schiffe am 16.01.1961 – Quelle: Dieter Sperling
Namensgebung der KS-Schiffe am 16.01.1961 – Quelle: Dieter Sperling Broschüre Teil 9, Seite 20Bildnachweis des Heftes: Fotos: Dieter Flohr, Internet, Dieter Liebenau, Hans Mehl, Hartwig Niemann, Egon Wirth

Ein großes militärisches Zeremoniell fand im Hafen Saßnitz am 16. Januar 1961 statt. In Umsetzung eines Beschlusses des Ministerrates der DDR und auf Grundlage des Befehles 59/60 des Ministers für Nationale Verteidigung sowie der AO 72/60 des CVM erfolgte die Namensgebung einer ersten Gruppe von Schiffen und Booten der Volksmarine. Dazu gehörten auch die vier KSS. Um den Namen für KSS freizumachen, war das Schulschiff „ERNST THÄLMANN“ bereits am 15.01 auf den Namen „ALBIN KÖBIS“ umbenannt worden. Die Namensverleihung nahm der Chef der Politischen Hauptverwaltung der NVA, Vizeadmiral Verner, vor. Anwesend waren auch der Chef der Volksmarine, Konteradmiral Ehm, die Witwe Ernst Thälmanns und die Militärattaches der sozialistischen Staaten. Die KSS erhielten die Namen „ERNST THÄLMANN“ (50/1), „KARL MARX“ (50/2), „KARL LIEBKNECHT“ (50/3) und „FRIEDRICH ENGELS“ (50/4).

Am 15. März konnte die Volksmarine Pluspunkte bei den zivilen Stellen des Saßnitzer Hafens sammeln. Die Maschinenanlage der Eisenbahnfähre „SASSNITZ“ fiel beim Einlaufen aus. Das Schiff hatte eine leichte Grundberührung. Auf Bitte des Kapitäns machten Schlepper der 1. Flottille die Fähre in kürzester Zeit wieder flott.

Für 1961 außerdem erwähnenswert ist die zeitweilige Stationierung von Bereitschaftskräften unter der Stufe „Erhöhte Gefechtsbereitschaft“ (EG) im Zusammenhang mit den Grenzsicherungsmaßnahmen der DDR am 13. August („Mauerbau“). Dazu wurde die 2. Torpedoschnellbootsabteilung in voller Gefechtsausrüstung von Gager nach Saßnitz überführt und dem Chef der 1. Flottille unterstellt. Von der 1. Flottille wurden zwei MLR, vier U-Jäger und sechs Räumboote nach Saßnitz verlegt. Die KSS waren als Reserve des Chefs der VM vorgesehen. Vermutlich zur Aufklärung handelte KSS „FRIEDRICH ENGELS“ am 15. und 16.08. im Arkonabecken. Erst am 23.09. wurde die EG aufgehoben und alle Einheiten liefen in ihre Heimatstützpunkte zurück. Dann wird es bis 1963 recht still um den Stützpunkt Saßnitz von zwei Außerdienststellungen einmal abgesehen. Das betraf im September 1961 das Schulschiff „ALBIN KÖBIS“ und 1962 den Bergungsschlepper „WISMAR“.

Zum 1. Mai 1963 kommt es zur Bildung der „neuen“ 6. Flottille als Flottille der Stoßkräfte. Damit ist auch die Übergabe des Stützpunktes Saßnitz mit neuer takt. Nr. 28 an den Chef der 6. Flottille verbunden. Zur Flottille gehörten alle Raketen- und Torpedoschnellboote, alle Leichten Torpedoschnell-Boote (LTS), die KSS, die kleinen Landungsschiffe und mehrere Hilfsschiffe der neu gebildeten 6. Hilfsschiffs-Abteilung. Zum Zeitpunkt der Übergabe waren im Stützpunkt Saßnitz stationiert:

  • vier KSS
  • neun TS-Boote
  • ein Schwimmender Stützpunkt
  • vier Torpedofangboote
  • ca. 15 Hilfsschiffe (Schlepper, Tanker, Versorger, kleinere Hilfsfahrzeuge)
Militärische Musterung anlässlich der Neubildung der 6. Flottille am 1. Mai 1963 – Quelle: Dieter Flohr
Militärische Musterung anlässlich der Neubildung der 6. Flottille am 1. Mai 1963 – Quelle: Dieter Flohr Broschüre Teil 9, Seite 21Bildnachweis des Heftes: Fotos: Dieter Flohr, Internet, Dieter Liebenau, Hans Mehl, Hartwig Niemann, Egon Wirth
Aufnahme aus dem Hafen Saßnitz (1. Hälfte der 60iger Jahre). Links KSS, über Heck im Päckchen TS-Boote, rechts an der Fingerpier zwei U-Jäger des Typs 201 M (vermutlich zur BRF gehörend) – Quelle: unbekannt
Aufnahme aus dem Hafen Saßnitz (1. Hälfte der 60iger Jahre). Links KSS, über Heck im Päckchen TS-Boote, rechts an der Fingerpier zwei U-Jäger des Typs 201 M (vermutlich zur BRF gehörend) – Quelle: unbekannt Broschüre Teil 9, Seite 21Bildnachweis des Heftes: Fotos: Dieter Flohr, Internet, Dieter Liebenau, Hans Mehl, Hartwig Niemann, Egon Wirth

Als im Mai 1965 der Stützpunkt Bug-Dranske als Hauptbasierungspunkt der 6. Flottille eingeweiht wurde, verblieb der Stützpunkt Saßnitz in Unterstellung des Chefs der 6. Flottille und wurde zum Manöverbasierungspunkt für RS- und TS-Boote sowie für UAW-Kräfte entwickelt. In den Folgejahren wurde der Hafen auf eine Solltiefe von acht Metern ausgebaggert.

Manövermeeting in Saßnitz – Quelle: Dieter Flohr
Manövermeeting in Saßnitz – Quelle: Dieter Flohr Broschüre Teil 9, Seite 22Bildnachweis des Heftes: Fotos: Dieter Flohr, Internet, Dieter Liebenau, Hans Mehl, Hartwig Niemann, Egon Wirth

Im November 1965 wurden die vier KSS von der 6. an die 4. Flottille übergeben und in Warnemünde stationiert. Es wurde merklich leerer im Stützpunkt. Wenigstens nutzten die Stoßkräfte der 6. Flottille Saßnitz gelegentlich weiter. Oft auch im Winter. Unter der Überschrift „Winter im Hafen“ findet sich darüber zum Beispiel ein Bericht von Major Ernst Gebauer in der Zeitschrift „Armeerundschau“ Nr. 1/72, der hier auszugsweise wiedergegeben werden soll:

„Selbst im Hafenbecken türmt der Nordost das Eis auf. Eis umklammert die Mole. Dicht aneinander gedrängt liegen die Fischerboote an den Piers. Eng schmiegen sich die Raketen-Schnellboote der Volksmarine an das Wohnschiff, Schutz suchend vor des Winters Unbilden. Im Heizungsraum des Wohnschiffes wacht Obermaat Krosch. Er hat alle Feuer an und fährt seine Kessel auf Volldampf, trotzdem liegt sein Schiff fest an den Kai gebunden. Es ist weit nach Mitternacht. Der Schlaf und die Gase der Dieselheizung drücken auf die Augen. Die wollige Wärme möchte ihn in Orpheus Arme treiben. Er wehrt sich dagegen. Blinzelt immer wieder angestrengt zum Manometer. Er muss den Druck halten. Gegen Morgen nimmt die Kälte zu. Minus 18 Grad meldete der Wachposten vom Signaldeck. Der Dampf wird über Rohrleitungen zu den Booten geleitet und dort in die Maschinenräume und Kammern geführt. So beträgt im Innern der Boote die Temperatur ständig 15 Grad. Das genügt, um die Motoren nach dem Anlassen ohne langes Warmlaufen in wenigen Minuten auf volle Belastung fahren zu können. Gleichzeitig wird der gesamte Bootskörper erwärmt und das Eis um zwei Handbreit von den Bordwänden ferngehalten.

Schlepper im vereisten Hafen Saßnitz – Quelle: „Militärtechnik“ 1/72
Schlepper im vereisten Hafen Saßnitz – Quelle: „Militärtechnik“ 1/72 Broschüre Teil 9, Seite 22Bildnachweis des Heftes: Fotos: Dieter Flohr, Internet, Dieter Liebenau, Hans Mehl, Hartwig Niemann, Egon Wirth

Zwei Handbreit Wasser sind zu wenig, um auch nur ein Manöver zu fahren, allein kommen die Boote nicht aus dem Hafen. Neben dem Wohnschiff liegt A-71 ein Schlepper der Volksmarine und ständiger Betreuer der Schnellboote. Er bugsiert die Boote bei Alarm aus dem Hafen. Die A-71 hat zwei Besatzungen, Zivilbeschäftigte der NVA. Sie stehen genau so ihren Mann, wie die Matrosen auf den Kampfschiffen. Eine Flotte ohne Hilfsschiffe wäre undenkbar. A-71 soll nicht nur hinausbugsieren. Der Schlepper ist zugleich Tanker. Tanker für Kesselspeisewasser. Das Wohnschiff, keineswegs für „Fernheizaufgaben“ konstruiert, verfügt nur über geringe Bunkermöglichkeiten. Und so steuern die Schlepperkapitäne, die Genossen Fürstenberg und Zeume, den Schlepper mehrere Male quer durch das Hafenbecken, um das nötige Kondensat aus der Aufbereitungsanlage zu holen. Schiffsmanöver im Packeis sind eine heikle Sache. So bleibt A-71 eines Nachts gegen 03.00 Uhr im Eis stecken mit Kondensat an Bord, das für die Heizung dringend gebraucht wird. Sofort helfen zwei Schlepper der Fischer. Sie holen A-71 aus dem Eis. Obwohl es durch anlandende Fischereischiffe im Betrieb alle Hände voll zu tun gibt. Ein Hafen kann bald zu klein werden, besonders wenn er zu einem Produktionsbetrieb gehört und man ihn mit Gästen teilen muss. Gäste sind die Schnellboote. Sie sind zeitweilig hier stationiert, weil in günstiger Ausgangsposition für eventuelle Einsätze. Die Fischer sind gute Gastgeber. Sie „verkraften“ den zusätzlichen Energieabnehmer, helfen so flink bei Reparaturen, dass die Matrosen die Betriebsschlosserei zur eigenen Dienststelle mitnehmen möchten.

Ohne den unermüdlichen Eisbrecher allerdings käme kein Schiff aus dem Hafen. Mit seinen 5400 PS bahnt er Tag und Nacht den Schiffen den Fahrweg. Er bugsiert die Trawler und Kutter der Fischereiflotte durch das Packeis und hält somit auch für die Boote der Volksmarine ständig den Weg offen. So durchbrechen die gemeinsamen Anstrengungen der Seeleute, ob in Uniform oder Ölzeug der Fischer, die Fesseln des Eises…….

Nach diesem Ausflug in den Winter 1971/72 zurück in die zweite Hälfte der 60iger Jahre. 1966 – nach fünf Jahren Abwesenheit - verlegte die „Selbständige Hafenbautechnische Kompanie“ zurück nach Saßnitz-Dwasieden. Zu diesem Umzug ist in den Erinnerungen des langjährigen Kommandeurs des Marinepioniertruppenteiles, Fregattenkapitän Fred Brümmer, nachzulesen („Pioniere der NVA – Ein Blick zurück“, 2004):

„1966 benötigte die Schiffsstamm-Abteilung die Kaserne auf dem Dänholm. Damit musste die Hafenbautechnische Kompanie erneut umziehen. Zur Auswahl standen Objekte in Wolgast und in Saßnitz. Nach gründlicher Abwägung fiel die Entscheidung für Saßnitz. Der vorhandene Unterkunftsblock wurde renoviert und den neuen Bedingungen angepasst, eine KFZ-Halle mit Wartungspunkt und Baracken zur Einlagerung von Ausrüstung waren vorhanden. Auch die Ausbildungsbasis mit in der Nähe (bei Prora?) liegendem Seelandeabschnitt, Sprengplatz und Fahrschulstrecke waren gut nutzbar. Von März bis Ende Mai wurde gebaut und innerhalb von vier Wochen in Etappen umgezogen.“

….. Eine besondere Aufgabe erhielt die Kompanie im Frühjahr 1968. Es musste Baufreiheit für das Rügenhotel in Saßnitz geschaffen werden. Nach Erfüllung dieser Aufgabe empfing der Rat der Stadt das eingesetzte Kommando und dankte dabei den Matrosen für die große Einsatzbereitschaft. Zwei Offiziere und zwei Matrosen wurden mit der „Medaille für ausgezeichnete Leistungen“ geehrt. Durch diese Tätigkeit wuchs das Ansehen der Kompanie in Saßnitz und Umgebung.“

Aus der „Selbständigen Hafenbautechnischen Kompanie“ ging zum 1. Dezember 1971 das „Bergungs- und Schutzdienstbataillon“ (BSD-Bataillon) der Volksmarine hervor. Dem Bataillon wurde 1972 die Truppenfahne verliehen. Vermutlich fällt in die zweite Hälfte der 60iger Jahre auch der Abriss der Bootshalle und der Rückbau der 1953 errichteten hölzernen Fingerpier. Ehemalige Angehörige des Stützpunktkommandos glauben sich daran zu erinnern.

Manchmal wird der als Chronist tätige Laie völlig verblüfft. Findet sich doch in der Militärpresse von 1972 die Meldung, dass eine „KFZ-Standortwerkstatt Saßnitz“ der 6. Flottille mit der Verdienstmedaille der NVA in Bronze ausgezeichnet wurde. Ein Hinweis auf diese Einheit war weder vor noch nach 1972 jemals wieder zu finden.

1976 kam es zur Verlegung der „Kompanie Chemische Abwehr“ und der „Zentralen Chemischen Werkstatt“ der Volksmarine nach Saßnitz-Dwasieden. Im gleichen Jahr und am gleichen Ort wurden hier auch zwei neue Bataillone der Rückwärtigen Dienste der Volksmarine formiert: das „Marinepionierbataillon 18“ (Vorgänger: BSD-Bataillon) und das „Ingenieurbau-Bataillon 18“ (Vorgänger: Bau-Pionier-Bataillon). Alle hier genannten Einheiten verblieben bis zum Ende der Volksmarine in Dwasieden stationiert.

Der letzte Leiter der Unterabteilung Ingenieurbauwesen im Kommando der Volksmarine, Norbert Eisert, berichtet über das Ingenierbau-Bataillon:

„Das IBB-18 hatte eine Personalstärke von ca. 250 Mann. Dem Bataillonskommandeur unterstanden mehrere Stellvertreter: Stabschef, Politstellvertreter, Stellv. für Technik/ Ausrüstung, Stellv. für Bauvorbereitung/ Baudurchführung, Stellvertreter für Rückwärtige Sicherstellung. Das Bataillon gliederte sich in eine Ingenieurbau-Kompanie, eine Technische Kompanie und zwei Züge mit Bausoldaten. Zur Technik gehörten Transport-LKW’s, Kipper, Autodrehkräne und verschiedenste Baumaschinen. Im Gegensatz zum Marinepionier-Bataillon hatte das IBB keine Aufgaben zur unmittelbaren Unterstützung der kämpfenden Truppen wie Landungsabwehr, Landungsvorbereitung, Legen von Landminen-Sperren, Einrichtung von schwimmenden Versorgungspunkten u. ä. zu lösen. Es ging um reine Bauaufgaben. So wurden zum Beispiel die Gefechtsstände der Flottillen und der Grenzbrigade Küste als Fertigteilbunker (FB-3, FB-75) in Trassenheide, Schwarzenpfost, auf Kap Arkona, In Graal-Müritz und Neuhof durch das IBB erbaut. Die Angehörigen des Bataillons errichteten in den Dienststellen der Volksmarine Unterkünfte, Lager und Werkstätten oder schufen Ausbildungseinrichtungen. Zu letzteren gehörten auch Lehrbahnen für die KFZ-Ausbildung. Für die Projektierung solcher Vorhaben gab es in meiner Unterabteilung eine spezielle Entwicklungsgruppe.“

Angehörige der Saßnitzer Volksmarine-Einheiten, vor allem die schwere Technik der Marinepioniere und des IBB-18 waren es auch, die im Extremwinter 1978/79 mit dafür sorgten, dass die Versorgung von Saßnitz nicht zusammenbrach, denn schon ab 29.12.1978 war die Stadt verkehrsmäßig völlig abgeschnitten. Innerhalb von zwei Tagen gelang es den Marineeinheiten, auf der F 96 die schwersten Verwehungen zu räumen. In der Folgezeit wurden Versorgungstransporte vorrangig für Milch, Brot und Wasser zur wichtigsten Aufgabe. In den schon genannten Erinnerungen von Fregattenkapitän Brümmer ist nachzulesen, dass alleine 40 Tonnen an Gütern von Bergen nach Saßnitz transportiert wurden, dass auch Krankentransporte anfielen und dass dazu am besten der Schwimmwagen PTS-M geeignet war.

Zum 01.12.1981 wurde der Manöverbasierungspunkt Saßnitz aus der Unterstellung der 6. Flottille gelöst und erhielt den Status eines Selbständigen Stützpunktes mit der taktischen Nummer 39. Die Dienststellung des Stützpunkt-Kommandanten entsprach der eines Bataillonskommandeurs. In der DV 200/0/017 „Schiffsverkehr in den Häfen, auf Reeden und in Fahrwassern“ – Hafen- und Reedevorschrift – von 1983 findet sich folgende Definition:

„Selbständige Stützpunkte sind unter Nutzung von Häfen, Seebrücken und Anlegern vorbereitete Einrichtungen der Rückwärtigen Dienste der Volksmarine, die von Schiffen und Fahrzeugen angelaufen werden und die den Status eines Manöverbasierungspunktes erhalten können. Sie unterstehen unmittelbar dem Stellvertreter des CVM und Chef der Rückwärtigen Dienste.“

Struktur des Stützpunktes Saßnitz (als Einheit) in den 80iger Jahren – Schema: Ulrich Griebenow
Struktur des Stützpunktes Saßnitz (als Einheit) in den 80iger Jahren – Schema: Ulrich Griebenow Broschüre Teil 9, Seite 24Bildnachweis des Heftes: Fotos: Dieter Flohr, Internet, Dieter Liebenau, Hans Mehl, Hartwig Niemann, Egon Wirth
Kommandant Stützpunkt Saßnitz
├── Stabschef
│     Operativer Dienst | Nachrichteneinheit | Wacheinheit | Hafenkommando |
│     Brandschutzeinheit | Einheit chem. Aufklärung
├── Stellv. pol. Arbeit
│     AG pol. Arbeit | Kulturelle Einrichtungen
├── Stellv. mat. Sst.
│     Verpflegung (-Lager, -Großküche, -Rechnungsstelle)
│     Bekleidung u. Ausrüstung (-Lager, -Werkstatt)
│     Treib- u. Schmierstoffe (-Tanklager, -Transporteinh.)
│     Chemische Ausrüstung (-Lager)
├── Stellv. TuB
│     Ber. Nachrichten- u. Funktechnische Mittel (-Lager, -Werkstätten)
│     Ber. Waffentechn. Dienst (-Munitionslager, -Werkstätten)
│     Ber. Instandsetzungsbasis
├── Ber. Kfz-Dienst
│     Kfz-Transporteinheit | Instandsetzungseinheit | Lager
├── Med. Punkt
│     Med. Punkt | Transporteinheit
├── Finanzen
│     Rechnungsstelle
└── Unterkunftsdienst
      Heizhaus | Lager | Instandsetzung

Ulrich Griebenow berichtet, dass der Stützpunkt Saßnitz (als Einheit) von Struktur und Ausrüstung her in der Lage war, alle gestellten Versorgungs- und Sicherstellungsaufgaben nicht nur aus der Basis heraus, sondern auch aus einem Feldlager zu erfüllen. Er erinnert sich außerdem, dass es zu seiner Zeit umfangreiche Investitionen besonders im Objekt Dwasieden gab. Alte Gebäude wurden abgerissen und moderne Lager- und Instandsetzungseinrichtungen gebaut. Auch ein neues Heizhaus entstand. Der Bootsbestand im Hafenkommando allerdings war für die verbleibenden Aufgaben auf ein Minimum geschrumpft. Während anfangs wenigstens noch zwei Schleppboote Typ „Warnow“ zur Verfügung standen, verblieb ab 1986 davon nur noch eines in der Saßnitzer Bootsgruppe. Dieses, ein Reedeverkehrsboot und ein Schwimmtank 60 waren dann auch der Endbestand der schwimmenden Stützpunkteinheiten im Jahre 1990.

Die folgende, stark vergrößerte und deshalb unscharfe Google-Aufnahme erfasst den Hauptteil der früheren Dienststelle Dwasieden. Ulrich Griebenow und H.-Peter Baumgärtel haben versucht, erkennbare Gebäudereste ihrer militärischen Nutzung in der zweiten Hälfte der achtziger Jahre zuzuordnen:

Google-Aufnahme des Hauptteils der früheren Dienststelle Dwasieden mit Zuordnung der Gebäudereste (Schloßruine, Ostsee)
Google-Aufnahme des Hauptteils der früheren Dienststelle Dwasieden mit Zuordnung der Gebäudereste (Schloßruine, Ostsee) Broschüre Teil 9, Seite 25Bildnachweis des Heftes: Fotos: Dieter Flohr, Internet, Dieter Liebenau, Hans Mehl, Hartwig Niemann, Egon Wirth

Legende:

Nr. Objekt
1 Haupttor mit Objektwache
2 Dienst- und Unterbringungsgebäude für das MPiB-18 und die KChA-18
3 KFZ-Park- und Instandsetzungsbereich
4 Stab des MPiB-18 (in einer Raumzelle untergebracht)
3 Dienst- und Unterbringungsgebäude für das IBB-18
6 Technikpark
7 Pionier-Munitionslager
8 u.9 Verschiedene Lagerbereiche
10 Instandsetzungsbasis
11 Heizhaus
12 Med.-Punkt (hier nur angedeutet, befand sich tatsächlich südlicher und damit außerhalb des hier dargestellten Geländeausschnittes)
13 Klubgebäude mit Speisesaal

Nicht ganz einig war man sich darüber, ob die KChA-18 wie hier dargestellt zusammen mit dem MPiB-18 oder aber mit dem IBB-18 untergebracht war und ob nicht eines der unter 9 genannten Lager als Dienstgebäude der TTK-18 zuzuordnen ist.

1983 wurde in Saßnitz zum Zwecke der Ausbildung erstmals eine zeitweilige Gemeinsame Bereitschaftsgruppe von U-Boot-Abwehrschiffen im Bestand eines UAW-Schiffes Pr. 133.1 der Volksmarine und je eines polnischen und sowjetischen U-Jägers zusammengestellt. Diese Aufgabe setzte sich auch in den Folgejahren fort. Die Führung wechselte jährlich zwischen den drei Flotten. Eigentlich sollte diese BUSSG (Bereitschafts-U-Boot-Such- und Schlaggruppe)nur bei Führung durch die Volksmarine in Saßnitz stationiert werden, ansonsten in Swinouscjie. Der damalige Chef der U-Jagdabteilung der 24. Schnellboots-Brigade der Baltischen Rotbanner-Flotte, Fregattenkapitän Kanonjenko, der mit seinem Stab in Saßnitz saß, drehte es aber immer so hin, dass auch unter seiner Führung Saßnitz „Heimathafen“ der Gemeinsamen BUSSG wurde. Ehemalige Angehörige der 3. KSSA berichten, dass neben den Seeabschnitten zum Training der Zusammenarbeit und der faktischen Begleitung von BRD-U-Booten auch recht lustige Abende im Kreise der Kommandanten und der USSG-Führung verbracht wurden. Öfter musste dazu auch die Sauna der sowjetischen Dienststelle in Saßnitz herhalten.

Mit Wirkung vom 1.Dezember 1983 verlegte die 3. UAWSA (U-Boot-Abwehr-Schiffsabteilung) der 1. Flottille mit vier UAW-Schiffen des Projektes 133.1 (Bordnummern 231 – 234) nach Saßnitz. Vorausgegangen waren umfangreiche Arbeiten an den Piers und an Versorgungsanschlüssen im Hafenbereich. Das Personal der 3. UAWSA nutzte hier auch das Stabsgebäude und die Versorgungseinrichtungen des Stützpunktes Saßnitz (als Einheit).

Zwei KSS Pr. 133.1 im Päckchen – Quelle: Hartwig Niemann
Zwei KSS Pr. 133.1 im Päckchen – Quelle: Hartwig Niemann Broschüre Teil 9, Seite 26Bildnachweis des Heftes: Fotos: Dieter Flohr, Internet, Dieter Liebenau, Hans Mehl, Hartwig Niemann, Egon Wirth
Ruine des Stabsgebäudes der 3. KSSA – Quelle: Verfasser
Ruine des Stabsgebäudes der 3. KSSA – Quelle: Verfasser Broschüre Teil 9, Seite 26Bildnachweis des Heftes: Fotos: Dieter Flohr, Internet, Dieter Liebenau, Hans Mehl, Hartwig Niemann, Egon Wirth

In Vorbereitung auf die Struktur-90 der Volksmarine wurden mit Wirkung vom 1.12.1986 die UAW-Schiffe des Projektes 133.1 neu als KSS 3. Ranges klassifiziert. Aus der 3. UAWSA wurde so die 3. KSS-Abteilung. Von dieser Maßnahme abgesehen, gab es sowohl für den Hafenbereich als auch für Dwasieden keine Struktur- oder Bestandsveränderungen mehr, die einer besonderen Beachtung bedürfen. Das letzte Standortverzeichnis der NVA von 1989 listete für Saßnitz folgende Einheiten der Volksmarine auf:

Einheit Standort
3. KSS-Abteilung der 1. Flottille (3. KSSA) Hafenbereich
Marinepionierbataillon 18 (MPiB-18) Dwasieden
Kompanie Chemische Abwehr 18 (KChA-18) Dwasieden
Ingenieurbaubataillon 18 (IBB-18) Dwasieden
Stützpunkt Saßnitz (Stp. Saßnitz) Hafenbereich, Dwasieden
Teillager des Treibstofflagers 18 Hafenbereich
Torpedotechnische Kompanie 18 (TTK-18) Dwasieden
Fernmeldetechnischer Zug (Teil der NK-6) Dwasieden

4. Ergänzende Bemerkungen

4.1. Stationierung von Grenzbooten der Grenzpolizei bzw. der Grenzbrigade Küste in Saßnitz

Für den Zeitraum 1952 – 1956 wurde die erste Stationierung von KS-Booten der Grenzpolizei See in Saßnitz bereits geschildert. Mit der zum 15. Februar 1957 erfolgten Unterstellung der Deutschen Grenzpolizei (DGP) unter das Ministerium des Innern endete vorerst eine Periode ständiger Umunterstellungen auch für die Grenzsicherungskräfte an der Küste (MdI 1949 -1952, MfS 1952/53, MdI 1953 – 1955, MfS1955 – 1957). Schrittweise erfolgte der Aufbau eines selbständigen Verbandes an der Seegrenze. So entstand am 1. März 1958 die 6. Grenzbrigade mit Stabssitz in Rostock, Ulmenstraße. Die schwimmenden Einheiten in Saßnitz fuhren nun als deren Bootsgruppe II. Bereits 1957 war diese Gruppe durch vier Reedeschutzboote der SSK aufgefüllt worden. Für die bereits vorhandenen zwei KS-Boote Typ „Seekutter“ erfolgte 1959 eine Modernisierung.

Als im Herbst 1961 für die DGP ein letzter Kommandowechsel - jetzt zum MfNV - erfolgte, führte das zur operativen Unterstellung der 6. Grenzbrigade unter das Kommando der Volksmarine. Das war verbunden mit einer völligen Neustrukturierung der Land- und See-Einheiten als „6. Grenzbrigade Küste“ mit Verbandsstatus und eigener neuer Truppenfahne (Verleihung am 1. März 1963). Im Zuge der strukturellen Veränderungen kam es zur Bildung der 1. Grenzbootsabteilung in Peenemünde und deren anschließender Verlegung nach Saßnitz. In dieser Abteilung mit Truppenteilstatus (Übergabe der Truppenfahne am 28. Februar 1967) waren bis Ende 1971 die verschiedensten Bootstypen im Einsatz: Reedeschutzboote der Typen „Delphin“ und „Tümmler“, modernisierte KS-Boote, Räumboote „Schwalbe“ und kurzzeitig (1962/63) auch U-Jäger 201M. Die Aussonderung der alten KS- und Reedeschutzboote war 1968/69 in der 6. GBK abgeschlossen, so dass ab Dezember 1969 bis zur Auflösung Ende 1971 in der 1. Grenzbootsabteilung Saßnitz nur noch neun Räumboote Typ „Schwalbe“ im Grenzdienst eingesetzt waren.

Mit Wirkung vom 1. Dezember 1971 wurde in der 6. GBK mit dem Aufbau von drei typenreinen Grenzschiffsabteilungen begonnen. In Saßnitz formierte sich die 1. Grenzschiffsabteilung, die von der 3. MSR-Abteilung Peenemünde sechs MSR-Schiffe des Projektes 89.100 G und von der aufgelösten 1. Grenzbootsabteilung die Truppenfahne übernahm. Die 1. GSA verblieb bis 1984 in Saßnitz und wurde dann nach Warnemünde verlegt.

4.2. Nutzung des Saßnitzer Hafens durch die Peene Werft Wolgast

Hierzu berichtet Egon Wirth:

„Die Peene Werft Wolgast war der größte Auftragnehmer der Seestreitkräfte der DDR bis zum Jahr 1990. Die Werft führte die Probe- und Abnahmefahrten hauptsächlich im Seegebiet vor Saßnitz und in der Tromper Wiek durch. Meilelaufen, Ermittlung der Drehkreise und der Stopp- und Auslaufstrecken fanden immer in der Tromper Wiek statt. Bei Notwendigkeit wurde während der Erprobungsphase auch der Saßnitzer Hafen genutzt. Hier erfolgten der Austausch von Spezialisten, die Versorgung mit Ersatzteilen und Übernahmen von Proviant und anderen Versorgungsgütern. Bei Schlechtwetter wurde Saßnitz als Nothafen angelaufen. Ich habe an solchen Erprobungen und Abnahmen als Divisionsingenieur der 2. MLR-Division und bei den MLR „Krake“ als Bauaufsicht der Abteilung Schiffbau des Kommandos der Volksmarine teilgenommen. Es waren interessante, mitunter auch sehr anstrengende Fahrten. Die Anzahl der an Bord befindlichen Personen betrug mitunter das Dreifache der normalen Besatzungsstärke. Auch die seltenen gemeinsamen Landgänge in Saßnitz mit den Angehörigen der Werft habe ich noch in guter Erinnerung.“

4.3. Präsenz sowjetischer Marineeinheiten in Saßnitz

Sowj. U-Jäger Typ „Kronstadt“ im Hafen Saßnitz (Ende der 50iger Jahre) – Quellen: Hartwig Niemann (linke Abb.), Egon Wirth
Sowj. U-Jäger Typ „Kronstadt“ im Hafen Saßnitz (Ende der 50iger Jahre) – Quellen: Hartwig Niemann (linke Abb.), Egon Wirth Broschüre Teil 9, Seite 27Bildnachweis des Heftes: Fotos: Dieter Flohr, Internet, Dieter Liebenau, Hans Mehl, Hartwig Niemann, Egon Wirth

1991 verließen als letzte zwei UAW-Schiffe der Baltischen Rotbannerflotte ihren exterritorialen Stützpunkt Saßnitz. Damit endete eine 46jährige Präsenz sowjetischer Marine-Einheiten in Saßnitz. Anfänglich waren es meist Räumboote und Schnellboote, die noch aus dem Pacht- und Leihabkommen mit den ehemaligen Verbündeten des 2. Weltkrieges stammten. Gelegentlich machten damals auch ein Leichter oder ein Prahm, gezogen von einem Dampfschlepper, in Saßnitz fest. Später nutzten fast nur noch U-Jäger verschiedener Typen der U-Jagdabteilung der 24. Schnellboots-Brigade Swinouscjie den Stützpunkt.

U-Jagd-Gruppe der BRF (Ende der 80iger Jahre) – Quelle: Internet
U-Jagd-Gruppe der BRF (Ende der 80iger Jahre) – Quelle: Internet Broschüre Teil 9, Seite 28Bildnachweis des Heftes: Fotos: Dieter Flohr, Internet, Dieter Liebenau, Hans Mehl, Hartwig Niemann, Egon Wirth

Oberhalb des Fischereiteiles des Saßnitzer Hafens lag ein kleines Objekt der BRF. Hier befanden sich ein Stabsgebäude, eine Signalstelle, eine unter „Russen-Magazin“ bekannte Einkaufsmöglichkeit und in den 60iger Jahren ein U-Jagd-Kabinett „ATAKA“, dass zeitweise auch von den U-Jagd-Kommandos der KSS Pr. 50 der Volksmarine genutzt wurde.

4.4. Besuche von Militärdelegationen/ Übungen

Ende April/ Anfang Mai 1959 weilte in den SSK der DDR eine Militärdelegation der VR China unter Leitung des Verteidigungsministers Peng De-Huai. Sie wurde vom Chef der SSK, Vizeadmiral Verner, begleitet. Dabei besuchte man am 2. Mai nach Überfahrt mit drei TS-Booten der 6. TS-Abteilung von Peenemünde aus auch Saßnitz.

Am 26. Juli 1964 war eine Militärdelegation der CSSR unter Führung des Verteidigungsministers Armeegeneral Lomsky in Saßnitz. An diesen Besuch erinnerte noch Jahre danach der Saal des Kulturhauses, der im täglichen Sprachgebrauch nur noch „Lomsky-Saal“ genannt wurde.

Allerhöchster Besuch auch im Jahr 1977: Während der KSÜ „Sapad-77“ nahm der Oberbefehlshaber der Sowjetischen Seekriegsflotte im Stützpunkt Saßnitz die Entschluss-Meldung des Chefs der VM entgegen.

Im Mai 1982 und Juli 1984 fanden vor Erich Honecker und anderen Mitgliedern des ZK der SED die Demonstrations-Übungen „Meilenstein“ statt (siehe auch KSS-Ereignistafel am Ende dieser Broschüre).

4.5. Saßnitz erlebte auch mehrmals die Verleihung von Truppenfahnen an Verbände und Truppenteile der maritimen Kräfte der DDR

Datum Verband/Truppenteil
03.12.1956 3. Flottille
06.01.1958 „alte“ 6. Flottille
01.03.1958 3. MLR-Abteilung (als erste Schiffsabteilung der SSK)
07.10.1960 KSS-Brigade
07.10.1963 „neue“ 6. Flottille
01.03.1965 Stützpunkt Saßnitz (als Einheit)
28.02.1967 1. Grenzbootabteilung der 6. GBK (Truppenfahne später an 1. GSA übergeben)
07.10.1972 BSD-Bataillon (Truppenfahne später an Marinepionierbataillon übergeben)

— Hans Steike

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