Große Beulen, jedoch neu lackiert
Karl-Heinz Kremkau, neuer Kommandant des KSS 123, stellt seinen frisch blau-weiß lackierten Wartburg beim Munitionsabrüsten in Saßnitz direkt am Liegeplatz ab und ignoriert die Warnung des Diensthabenden Günter Senf. Während des Haarschnitts beim Deutschen Jugendmeister des Friseurhandwerks wird das Auto von einem LKW G 5 zerdrückt; die Versicherungsfrage „KSS gegen Stützpunkt“ entscheidet der Abteilungschef Kretzschmar zu seinen Gunsten.
KSS 123 lag im Hafen Saßnitz am Liegeplatz 18. Es wurde auf eine Werftliegezeit vorbereitet. Der Liegeplatz war in der Nähe des Fähranlegers. Auf allen Leinen waren Rattenbleche angebracht. Es war eine Plage. Wir griffen zur Selbsthilfe. Werner Grütz unser LI aus Halberstadt (ihm musste ich ständig erklären, dass der Maschinenraum auch heute noch immer unter der Brücke liegt) und ich als der neue Kommandant wollten diesen Tierchen zu Leibe rücken. Zwei Hocker auf den Seitengang, zwei Luftgewehre, Diabolos. Stabsmatrose Roche, unser Pantry aus Hämmern-Mengersreuth, brachte uns zwei Bier. Diesen prächtigen Stabsmatrosen hat mir Fritz Dorn persönlich übergeben und sonst gar nichts. Schlechtes Büchsenlicht und der aufmerksame, schnelle Roche mit seinem ständigen Biernachschub verhinderten einen Jagderfolg. Soll sich die Forschung um diese Tiere kümmern.
Am nächsten Tag wurde Munition abgerüstet. Das war die Gelegenheit, meinen PKW „Wartburg“, der umlackiert wurde, aus der Werkstatt zu holen. Die ganze Abteilung kannte ihn bisher nur mit der unseemännischen roten Farbe. Jetzt konnte ich ihn im neuen Outfit vorstellen: blau-weiß mit Haifisch-Schnauze. Ich fuhr zum Liegeplatz und stellte das Auto in 20 cm Entfernung zur Liegeplatzbeleuchtung ab. Ich wollte noch schnell an Bord, um mir die Haare schneiden zu lassen. Denn wer hat schon einen Deutschen Jugendmeister des Friseurhandwerkes an Bord? Wegen seines Berufes wurde Stabsmatrose Westphal vom Funkmessabschnitt zum Bootsmannskommando versetzt, in dem sich bereits ein Schuster befand. Wie man sieht, wurden Dienstleistungen damals schon stark beachtet.
An Bord wurde ich vom Diensthabenden des Schiffes, Günter Senf, empfangen, der als GA-II-Kommandeur gleichzeitig Verantwortlicher des Abrüstens (später war das ein gewisser Eppelmann). Er machte mich darauf aufmerksam, mein Auto wegzufahren, da gleich die LKW’s eintreffen und dann ist da richtig Betrieb auf der Straße. Ich schaute ihn von unten bis oben an und ging dann wortlos an ihm vorbei. Günter Senf hat das sofort begriffen - das Auto bleibt genau da stehen.
Ich ging in Kammer 2, nahm Platz und bekam einen weißen Umhang. Der Meister begann von der Hauptstadt mit dem langen Namen zu erzählen, wo er zu Hause war. Etwa zur Hälfte war ich geschoren, da platzte der herein, an dem ich vor kurzem wortlos vorbeigegangen war. Günter Senf machte Meldung: „Genosse Kapitänleutnant, soeben hat ein LKW G 5 ihr Auto da draußen beschädigt, zerdrückt.“ Ich sprang auf und schaute ihn an. „Was soll dieser Blödsinn?“ In seinem Gesicht erkannte ich ein leichtes Grinsen. Da vermutete ich einen Scherz. Er beteuerte, dass seine Meldung stimmt. Ich noch mit Friseurumhang den Niedergang, Stufen auslassend, hoch. Hinter mir her der Diensthabende und der Deutsche Meister. Auf dem Seitengang stehend, betrachtete ich die Situation. Mein Auto konnte ich nicht erkennen. Es wurde von nahezu zwei gaffenden KSS-Besatzungen verdeckt. Davon hatte die Hälfte 100mm-Granaten im Arm. Die hatten ein Gewicht von über 30 Kilo. Die andere Hälfte stammte wohl vom KSS 122, das an der Pier längsseits lag.
Wie ich dann endlich vor meinem Auto stand, stellte ich fest, dass es etwas kürzer war und dass sich vorn die Räder nicht mehr drehten. Ich ließ die Ansammlung auflösen, um mit meinem Kummer allein zu sein. Man sollte doch öfter einmal auf Unterstellte hören. Irgendetwas musste geschehen. LI auf die Pier! Haben wir Klempner an Bord? Warum? Na, weil die mit Blech umgehen können. Werner Grütz sagte zu mir: „Lass mich das mal mit dem GA-V machen.“ Hat er gemacht, mit schwerem Werkzeug und anderem Gerät. Wenigstens bewegte sich das Auto wieder. Mit etwas veränderter Karosserie bin ich dann wieder in die Werkstatt gefahren, wo der Meister seinen Augen nicht traute.
Nun war es ein Versicherungsfall geworden: KSS gegen Stützpunkt. Im Hafenbereich gilt die StVO. Richtig, und die Männer von KSS fahren nach Verkehrsschildern. Da stand aber weder ein Park- noch ein Halteverbotsschild. Der Hafenkommandant, Karl Garisch, behauptete, dass da mal welche gestanden hätten. Aber die hätten wohl die KSS-Leute geklaut. Diese Beschuldigung rief unseren Abteilungschef Manfred Kretzschmar auf den Plan. Ich bekam Recht und die Versicherung zahlte.
— Karl-Heinz Kremkau
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