Tauchobjekt Essbesteck
Wolfgang Jänecke, Kessel- und Pumpenmeister und Schiffstaucher auf KSS 502, taucht am 27. Oktober 1959 zweimal im Saßnitzer Hafen nach dem sowjetischen Originalbesteck der Meistermesse, das der Pantrygast mit dem Abwaschwasser außenbords geschüttet hatte. Nur ein Fünftel des Bestecks konnte geborgen werden.
Außer meiner eigentlichen Funktion als Kessel- und Pumpenmeister war ich auf dem KSS 502 auch als Schiffstaucher eingesetzt. Die dazu notwendige Ausbildung hatte ich in der Taucherbasis Warnemünde/ Hohe Düne, die sich damals noch am Tonnenhof befand, erhalten. Wenn mir gelegentlich einmal mein Taucherbuch in die Hände fällt, muß ich immer über zwei Einträge vom 27. Oktober 1959 schmunzeln. Das Schiff war vor gerade mal 17 Tagen in Dienst gestellt worden. Den Aufzeichnungen ist zu entnehmen, daß ich an jenem 27. am Vormittag 17 und am Nachmittag 20 Minuten Sucharbeit in sechs Meter Tiefe bei 12 Grad Wassertemperatur absolviert hatte. Was war geschehen?
Ich kann mich noch gut erinnern. Morgenmusterung, Flaggenparade und Diensteinteilung waren gerade vorüber, da stand der Pantrygast der Meistermesse wie ein Häufchen Unglück und mit Tränen in den Augen vor mir: „Genosse Obermeister, ich habe zusammen mit dem Abwaschwasser aus Versehen auch die Essbestecks außenbords geschüttet.“ Nun war es kein gewöhnliches Besteck. Es gehörte noch zur sowjetischen Originalausrüstung. Es lag gut in der Hand, war schwer, mit Mustern versehen und sah überhaupt sehr vornehm aus. Besonders schön ziseliert waren die zu Samowar und Teegläsern gehörenden zierlichen Teelöffelchen. Auch sie lagen nun also auf dem Grund des Hafenbeckens. Hier musste etwas unternommen werden! LI und Kommandant wurden über die Notwendigkeit eines Tauchganges verständigt. Ihr Einverständnis wurde unverzüglich erteilt. Auch der OP-Dienst gab seine Genehmigung. Die Vorbereitungen an Bord sollten gerade beginnen, da wurden wir gestoppt. Das Nachbarschiff 702 hatte Auslaufbefehl erhalten. Mindestens eine Stunde Seeklarmachen, dann noch Verholen der 702 und der 502, denn unser Schiff lag im Päckchen außenbords. Endlich war die 702 ausgelaufen und wir an der Pier fest.
Also, hinein in den Wärmeanzug aus Schafswolle, dann durch den Brusteinstieg in den Gummianzug der sogenannten ISA-M48-Ausrüstung. Neopren-Anzüge gab es damals noch nicht. Nun musste die Luft aus dem Anzug gedrückt und die Manschette des Brusteinstieges ordentlich gefaltet und verschlossen werden. Zu meiner Sicherheit und Orientierung ließ ich noch ein Grundgewicht mit Grundleine und eine Rundlaufleine setzen. Weiter ging es mit dem Anlegen der Maske, des Bleigürtels und des Sauerstoff-Kreislaufgerätes mit Alkali-Patrone. Die Signalstelle wurde über die Taucharbeiten informiert. Dort und auf dem Schiff wurden die Flaggen für „Taucher im Wasser!“ gesetzt und ab ging es in die Tiefe.
Nur wer schon einmal das zweifelhafte Vergnügen hatte, in einem Hafen zu tauchen, kann ahnen, was mich hier erwartete. Bis zu einem Meter dicker Schlamm. Keine Sicht, denn das Wasser war durch den vom Auslaufen der 702 aufgewirbelten Schlick zusätzlich getrübt. Tasten war angesagt! Bei jedem zweiten Griff hatte ich einen Kupferbolzen in der Hand. Sollte jemand mit diesem Begriff nichts anfangen können: Die Schiffe hatten keine Fäkalienzelle und so wanderte auch das Ergebnis des „großen“ Geschäftes außenbords. Zu dumm war auch, daß wir nicht mehr auf der alten Position lagen und so der genaue Platz des Pantry-Mißgeschickes mehr erahnt werden musste. Vom Besteck fand ich mit viel Glück so nur einzelne Stücke. Nach einer reichlichen Viertelstunde wurde der Tauchgang abgebrochen. Bei einem zweiten Versuch am Nachmittag lief es dann besser. Der Schlick hatte sich wieder gesetzt. Die Sicht war etwas klarer. Den Kupferbolzen konnte ich nun ausweichen. Gelegentlich sah man am Grund sogar etwas blinken. Alles in allem war das Ergebnis trotzdem enttäuschend. Nur etwa ein Fünftel der Besteckteile konnte ich bergen. Der Rest liegt wahrscheinlich noch heute im Saßnitzer Hafen. Schade, den nun wurde unser Schiff mit dem übliche NVA-Standardbesteck aus Aluminium ausgerüstet. Ja, ja, was so ein Taucherbuch alles erzählen kann.
— Wolfgang Jänecke
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