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Wappen der Marinekameradschaft KSS e.V. Warnemünde: Anker mit LorbeerkranzDie Geschichte von KSSKüstenschutzschiffe der Volksmarine 1956–1990
Amüsantes

Saßnitzer Landgangsimpressionen

Karl-Heinz Breitenstein, Angehöriger der ersten KSS-Besatzung von 1-61, erinnert sich an die Landgangslokale in Saßnitz 1956, das Verhältnis zu Fischern und Grenzsoldaten und an Kommandant Kurt Hollatz („Kuddel“). Eine Landgangsüberschreitung retten drei Matrosen, indem der Fußballer Albert Dreibrodt den Betrunkenen markiert und der Kommandant persönlich beim Anbordbringen hilft.

Im Matrosenleben spielt der Landgang keine unwesentliche Rolle. Das war 1956, als die ersten beiden KSS in Saßnitz stationiert wurden, nicht anders als heute. Unser Heimathafen bot da ganz ordentliche Gelegenheiten. An einige Lokale kann ich mich noch gut erinnern. Da wäre zuerst die „Post“ zu nennen, denn hier habe ich während meines ersten Landganges beim Tanz meine heutige Frau kennen gelernt. Außerdem konnte man in dieser Gaststätte seine Uhr oder andere Gegenstände mit gewissem Wert verpfänden, wenn man gerade mal knapp bei Kasse war. Weitere Gelegenheiten zum Tanzen ergaben sich später im „Volksgarten“ und der Bar „Schwemme“. Ob das nun der richtige oder der Spitzname dieser Lokalität war, bekomme ich heute nicht mehr zusammen. In den bisher aufgezählten Gaststätten trafen sich hauptsächlich die Marine und die Hübschen aus dem Saßnitzer Fischkombinat. Verboten war für uns zum Beispiel der „Fürstenhof“.

Mit den Fischern traf man meist in kleineren Lokalen zusammen. Beide Gruppen kamen aber gut miteinander aus, denn die Fischer zählten uns Mariner zu den fahrenden Seeleuten und man spendete sich gegenseitig so manche Runde. Weniger gut war das Verhältnis zu den in und um Saßnitz stationierten Grenzsoldaten. Obwohl sie meist in der Unterzahl waren, konnte ein Zusammentreffen problematisch werden und nach anfänglichen gegenseitigen Frozzeleien oder im harten „Wettbewerb“ um die Mädchen schnell in eine Keilerei ausarten. Bei einem Lazarettaufenthalt in Saßnitz traf ich auf einen Grenzsoldaten, dem die eigenen Leute während einer Grenzstreife das Bein zerschossen hatten (es musste später abgenommen werden). Nach dem Erzählen dieses Soldaten sollen seine eigenen Leute deshalb so schnell mit den Schießeisen zur Hand gewesen sein, weil sie dachten, einen „Molli“ vor sich zu haben. Na, ob das wohl gestimmt hat?

Ein Landgang ist mir in besonderer Erinnerung geblieben. Wir hatten uns selbst in eine schwierige Lage manövriert, aber mit etwas Glück doch wieder die Situation retten können. Hier muß ich aber erst einmal auf unseren Kommandanten, Kurt Hollatz, hinter seinem Rücken „Kuddel“ genannt, eingehen. Er war schon eine Persönlichkeit: etwas eckig und kantig, schnarrende Stimme, einfach Respekt einflößend. Nicht nur wir Matrosen hatten ganz schön Dampf vor ihm.

Nachdem unser Schiff in Saßnitz festgemacht hatte, ging es bei einer der ersten Musterungen auf dem Achterdeck auch um das Verhalten an Land. Einen Spruch unseres Kommandanten habe ich nie vergessen: „Für meine Matrosen ist das beste Lokal gerade noch gut genug!“ Es folgte eine Aufzählung, welche Lokale in Saßnitz zu dieser Kategorie zählten und dann die Auflistung der Lokalitäten, die wir nicht besuchen durften. Viel Möglichkeiten blieben danach für uns nicht mehr übrig. Und einen wichtigen Grundsatz bleute uns der Kommandant noch ein: Es wäre äußerst schädlich und unkameradschaftlich, einen Mitkämpfer, der einmal etwas zu viel Alkohol genossen hätte (davon schien Kuddel Ahnung zu haben) und so den Weg an Bord nicht mehr fände, in seiner Not allein zu lassen. Man müsse alles tun, um ihn heil auf das Schiff zu bringen.

Nicht ganz unerheblich für den glimpflichen Ausgang des folgenden Vorfalls war außerdem, daß der Kommandant ein sehr großes Interesse für Fußball zeigte. Vor allem die gemeinsame Mannschaft der beiden KSS, die recht erfolgreich gegen alle möglichen „Landratten“ spielte, hatte es ihm angetan.

Nun aber genug der Vorrede. Ich war also wieder einmal zusammen mit noch zwei anderen Kameraden an Land. Einer davon war Albert Dreibrodt. Wenn ich mich richtig erinnere, stammte er aus der Gegend um Magdeburg. Er war Fußballer und eine der Stützen der vorgenannten KSS-Mannschaft. Wir saßen also in einem kleinen, gemütlichen Lokal. Ich glaube, es war sogar für uns zugelassen. Wir hatten uns viel zu erzählen. Das Bier schmeckte, wir tranken genussvoll Runde um Runde und die Zeit verging fast unmerklich. Der Zeitpunkt des Aufbruchs nahte, wenn wir noch pünktlich 24 Uhr an Bord sein wollten. Da muß uns wohl der Teufel geritten haben. Wir beschlossen noch eine halbe Stunde dran zu hängen, wohl wissend, daß das zu einer Landgangsüberschreitung führen muß. Mutig nahmen wir das in Kauf und genehmigten uns noch ein paar Gläser. Schließlich brachen wir dann doch auf, kamen im Hafen an und sahen schon von weitem unseren Liegeplatz. Schlimmer konnte es nicht kommen. Wir erkannten den Alten, der wie ein Tiger auf dem Achterdeck auf und ab lief und grimmig seine drei noch fehlenden Landgänger persönlich in Empfang nehmen wollte. Im Nu waren wir stocknüchtern. Verdammt, was machen wir jetzt bloß?

Albert Dreibrodt kam auf die rettende Idee: „Erinnert Ihr Euch an die Worte des Kommandanten, daß wir uns an Land nicht in Stich lassen dürfen? Ich markiere jetzt den Besoffenen, ihr hakt mich unter und schleppt mich so an Bord.“ Und das taten wir dann auch. Albert spielte vorzüglich seine Rolle als Betrunkener. Schwankend, und innerlich mit erheblich Düsengang näherten wir uns dem Schiff. Doch dann trauten wir unseren Augen nicht. Unser Alter (und das ist jetzt ganz liebevoll gemeint) kam uns über die Stelling entgegen und half uns, die vermeintliche Alkoholleiche – auch noch einen seiner Lieblingsfußballer – an Bord zu bringen. Dann hörten wir noch seine schnarrende Stimme, an den Diensthabenden gerichtet, sagen: „Tragen Sie in das Wachbuch ein: Vom Landgang zurück 24 Uhr. Alle drei!“

— Karl-Heinz Breitenstein

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