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Wappen der Marinekameradschaft KSS e.V. Warnemünde: Anker mit LorbeerkranzDie Geschichte von KSSKüstenschutzschiffe der Volksmarine 1956–1990
Amüsantes

„Fall´nse sich was ein“

Ulrich Korn erinnert sich an den Brigadechef Korvettenkapitän Gerhard Thomas, den „Brigaderiesen“, dessen sprichwörtliche Redewendung „Fall´nse sich was ein!“ stets fiel, wenn keine neue Flasche mehr kam. Geschildert werden die Kommandantenprüfung, Trinkgelage in der Messe mit einarmigen Liegestützen als Nüchternheitsbeweis und der letzte große Auftritt 1961 in Gdynia vor Vizeadmiral Neukirchen und Konteradmiral Nordin, der mit einem Sturz den Niedergang hinab und einem Armbruch endete.

„Über die Toten nur Gutes“, sagten die alten Griechen. In den Geschichten über ihre großen Helden, klammerten sie aber deren schwache Seiten nicht aus. Der, über den ich die nächsten Zeilen schreibe, war überhaupt nicht groß und bestimmt kein Held. Inzwischen hat er auch schon seine letzte Langreise angetreten. Was ich über ihn berichte, soll keine hässliche Nachrede sein. So war es eben und wir haben über manches schon damals geschmunzelt oder gelacht – warum nicht heute noch einmal. Nehmen wir es einfach als die Erinnerung an einen von uns KSS-Fahrern mit vielen guten Eigenschaften aber leider viel zu oft, mit viel zu großem Durst.

Als ich vom HOL (Höheren Offiziers Lehrgang) zu den Küstenschutzschiffen zurück kam, waren es nun vier statt zwei und aus der Abteilung war eine Brigade geworden. Brigadechef war Korvettenkapitän Gerhard Thomas. Sehr klein von Statur erhielt er bald den Spitznamen „Brigaderiese“. Thomas war Quereinsteiger bei KSS, denn er hatte vor seinem Einsatz mit den KSS nichts zu tun. Er kam frisch von der Seekriegsakademie Leningrad und übernahm dieses Kommando. Sicher hatte man ihm nicht ohne Grund Korvettenkapitän Kurt (Kuddel) Hollatz, vorher Kommandant auf KSS, als Stabschef zur Seite gestellt.

Außer der formalen Meldung beim BCH zum Dienstantritt, hatte ich zunächst nicht viel mit ihm zu tun. Er hatte seinen Befehlsstand auf einem Nachbarschiff und kam nur hin und wieder zu einem Seetörn auf die „Friedrich Engels“, die damals nur schlicht und einfach die „702“ war. Auch im Hafendienst hatte ich kaum Berührungen mit ihm. Das erste nähere Kennenlernen kam durch die so genannte „Kommandantenprüfung“ zustande. Der mussten sich Werner Ebert und ich als neue Gehilfen des Kommandanten stellen. Der BCH nahm persönlich die theoretische als auch die praktische Prüfung ab und gab uns dabei einige gute Ratschläge und Hinweise. Auch die Be-und Auswertung war sehr objektiv. Zum Abschluss lud uns Korvettenkapitän Thomas eines Abends in seine Kammer an Bord ein. Dort eröffnete er uns offiziell, dass wir die Prüfung bestanden hätten und nunmehr KS-Schiffe selbständig führen dürften. Irgendetwas Schriftliches gab es damals nicht. Vielleicht gab es einen Eintrag in unsere Kaderakte? Anschließend kamen eine Flasche und Gläser auf den Tisch, denn auf dieses Ereignis musste doch angestoßen werden. In kurzer Zeit war die Flasche leer und der BCH schon leicht in Stimmung. Die Abläufe solcher Gelegenheiten waren an Bord sicher schon bekannt und so hatte der Pantrygast eben keine neue Flasche als Thomas eine solche verlangte. Ich weiß nicht, ob wirklich nichts da war oder der Pantrygast eine entsprechende Weisung hatte. Da hörte ich das erste Mal die später beinahe sprichwörtliche Redewendung: „Fall´nse sich was ein!“ Als trotz mehrfacher Wiederholung des „Fall´nse sich was ein!“ keine neue Flasche auftauchte, sollten Werner und ich noch mit ihm an Land kommen. Dort sollte es weiter gehen. Da wir beide die Situation zwar nicht mehr nüchtern aber noch real einschätzten, schlugen wir diesen Vorschlag aus und meldeten uns ab. Der BCH schimpfte zwar, ließ uns aber gehen. Ob er dann alleine in die Stadt ging, weiß ich nicht. Ähnliche Situationen erlebten wir später öfter einmal und meist hieß es dann: „Fall´nse sich was ein!“ Wenn es passte, sagten wir auch untereinander mitunter: „Fall´nse sich was ein!“

Es war an irgendeinem Feiertag. Für die Offiziers- und die Meistermesse war pro Mann eine Flasche Bier im Verpflegungssatz. Auf dem Achterschiff wurde ein Film gespielt. Daran nahmen auch viele Offiziere und Meister teil. Da kam der BCH an Bord. Einige Offiziere, u.a. der Kommandant, Dieter Dembiany, der LI, Gerhard Wehrend und ich saßen in der Messe und tranken unser Bier. Natürlich wurde dem BCH eine Flasche angeboten. Er trank aber mehrere und auf Wink des Kommandanten war dann eben nichts mehr da. Was kam da? Natürlich: “Fall´nse sich was ein!“ Dann zog es ihn auf einmal zum Achterschiff. Dort sah er etwas dem Film zu und gab ziemlich unpassende Kommentare.

Damit nicht vor allen Anwesenden klar wurde, dass der BCH ziemlich „Zu“ war gelang es schließlich, ihn wieder in Richtung Messe zu bewegen. Unterwegs sagte er plötzlich: „Ihr denkt wohl ich bin besoffen? Dann macht das erst mal nach!“ Schon lag er im Seitengang und machte uns mehr als zehn einarmige Liegestütze vor. Eine Übung, die ich von ihm noch öfter in diesem Zustand sah. Die konnte er sehr gut und damit wollte er wohl seine „Nüchternheit“ demonstrieren. Jetzt kamen wir am offenen Schott zum Kesselraumniedergang vorbei und schon verspürte er das Bedürfnis, den Kesselraum zu besichtigen. Das war ihm absolut nicht auszureden. Dieser Niedergang geht senkrecht nach unten – da konnte schon was passieren. Als alles nichts half, stieg der LI zuerst abwärts. Wer Gerhard Wehrend kennt, weiß, an ihm wäre der kleine Thomas nicht vorbei gekommen. Aber nach einigen Stufen gab dieser seine Absicht auf und kam wieder aufwärts. Wie der Abend dann noch endete, ist mir entfallen. Auf jeden Fall hatten einige Offiziere wegen des großen BCH-Durstes kein Bier mehr abbekommen.

Der letzte große „Auftritt“ von Gerhard Thomas war etwa im Spätsommer oder Herbst 1961. Die „Friedrich Engels“ hatte den Auftrag, den Chef des Stabes der Volksmarine, Vizeadmiral Heinz Neukirchen und seinen Stellvertreter für Operative Arbeit, Konteradmiral Wilhelm Nordin, nach Gdynia zu bringen. Dort fand wohl eine Beratung höherer Offiziere der drei verbündeten Ostseeflotten statt. Der Brigadechef machte diesen Seetörn natürlich mit. An einem sehr frühen Morgen legten wir im Kriegshafen Gdynia-Oksyva an. Mehrere größere Limousinen holten unsere Chefs ab. Der Chef des Stabes der VM hatte uns vorher den Termin für das Auslaufen benannt.

Kurz danach hielt ein Moskwitsch oder Pobjeda auf der Pier und der BCH wurde stürmisch von einigen polnischen und sowjetischen Marineoffizieren begrüßt. Kommilitonen vom Studium in Leningrad, wie er uns wissen ließ. Großes Palaver am Auto und bald meldete sich Thomas ab. Da der Auslauftermin feststand, würde er jetzt mit seinen Freunden wegfahren und pünktlich zurück sein. Das Schiff war zum befohlenen Zeitpunkt „Seeklar“ nur der BCH nicht da. In der letzten Minute kam ein Wagen angerollt und Thomas verabschiedete sich von den anderen Insassen. Der Kommandant meldete ihm und alle Anwesenden stellten fest, dass der BCH voll wie alle drei „Hunderter“ zusammen war. Man brachte ihn schnellstens an Bord, denn schon bogen die Wagen der Chefs auf die Pier ein. Vizeadmiral Neukirchen befahl sofort abzulegen. Dieter Dembiany legte ab, übrigens folgte dann ein Supermanöver. Das Schiff drehte auf engstem Raum „auf dem Teller“ und dann ging es voraus zur Hafenausfahrt. Es war schon fast dunkel um diese Jahreszeit und dann in einem fremden Hafen! Das war schon eine tolle Leistung.

Auf dem HBS und dem Signaldeck befanden sich zu dieser Zeit außer dem diensthabenden Personal und der Schiffsführung, Vizeadmiral Neukirchen, Konteradmiral Nordin und in einer etwas dunkleren Ecke, Fregattenkapitän Thomas. Letzterer hielt sich kaum aufrecht und murmelte ständig irgendetwas vor sich hin. Das muss Nordin bemerkt haben und er musterte Thomas auch entsprechend. Das blieb diesem wiederum nicht verborgen und plötzlich legte er los: „Da guckt der „schöne Willi“ (Spitzname Nordins in der Flotte), da guckt er. Da hat sich der kleine Thomas wieder mal volllaufen lassen. Da guckt aber der schöne Willi“. Nordin versuchte so zu tun, als ob er diese peinliche Situation nicht bemerke. Thomas ließ aber nicht locker. Immer wieder wiederholte er sein Sprüchlein. Da wurde es Neukirchen zuviel und er machte seinem Spitznamen „Donnergroll“ alle Ehre als er dann knurrte: „Kommandant, lassen sie den BCH unter Deck bringen!“ Darauf Thomas: „Der BCH kann ganz alleine gehen!“ sprachs, schaffte den Niedergang zum Peildeck, verschwand hinter dem Schott zum inneren Niedergang – und dann hörte man nur ein lautes Poltern. Er war den Niedergang hinabgestürzt und lag nun vor dem Funkraum. In die Koje gebracht, stellte der Schlunzgast (Sanimaat) einen Armbruch fest und schiente diesen provisorisch. Am nächsten Tag in Saßnitz wurde Thomas ordentlich medizinisch versorgt. Er ließ sich aber nicht krankschreiben. Alle weiteren Seeaufgaben machte er mit Gipsarm mit.

Für seine weitere Laufbahn war dieser Auftritt aber wohl nicht sehr dienlich. Bei der nächsten Umstrukturierung verschwand er aus der KSS-Brigade. Seinen weiteren Weg habe ich nicht verfolgen können. Schade! Ein durchaus fähiger Offizier hatte sich so einen erfolgreicheren Weg in der Volksmarine selber verbaut.

— Ulrich Korn

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