Warum Elektriker auf KSS nie verhungern konnten
Udo Hoppe verrät den Trick der Elektriker auf KSS Pr. 50 zur Nahrungsergänzung: Der Diensthabende E schaltete an der Hauptschalttafel das Kühlaggregat der Verpflegungslast ab, wurde vom Koch zur „Reparatur“ gerufen und füllte bei der langwierigen Fehlersuche in aller Ruhe seine Werkzeugtasche mit Wurst, Käse und Konserven. Im Inhaltsverzeichnis als „Sonderration“ geführt.
Jeder, der an Bord gefahren ist, weiß, daß Matrosen äußerst erfinderisch sind, wenn es darum geht die Vorgesetzten zu überlisten. Bei einem Verpflegungssatz von 4,25 Mark pro Mann und Tag war man als junger Mensch nach den Mahlzeiten oftmals noch hungrig. Darum musste zusätzlich Nahrung beschafft werden. Eine Möglichkeit dazu bot sich, wenn man als Elektriker Wachdienst hatte. Diensthabender E nannte sich dieser 24-Stunden-Dienst im Hafen.
Nun gab es auf dem KSS Pr. 50 im vorderen Bereich unter dem Deck 1 eine Verpflegungslast mit allerlei leckeren Sachen wie z. B. Würste, Käse, Eier, Gemüse und Konserven. Man musste nur reinkommen. Vor der Last lag ein kleiner Raum für Tiefkühlkost und davor der Maschinenraum für das Kühlaggregat mit dem Kompressor und den Leitungen mit der Kühlflüssigkeit. Der Zugang zu diesem ganzen Trakt war verschlossen und den Schlüssel verwaltete der Koch. Nun bestand der Trick zur Nahrungsergänzung darin, ca. 1 Stunde bevor der Koch in die Verpflegungslast ging, um die Zutaten für das Mittagessen zu holen, das Kühlaggregat abzuschalten. Dazu brauchte man nur an der Hauptschalttafel 1 im E-Werk den Schalter für das Kühlaggregat in die entsprechende Lage zu bringen.
Jetzt war nur noch Geduld angesagt. Der Koch ging also in die Verpflegungslast und stellte am fehlenden Geräusch fest, dass der Kompressor des Kühlaggregates für die Tiefkühlkost nicht lief. Ein schneller Kontrollblick zum Thermometer: Temperatur noch im grünen Bereich aber schon leicht gestiegen. Verderblicher Proviant in Gefahr, durchzuckte es ihn. Folgerichtig kam kurz darauf über die Kommandoanlage des Schiffes die schon ersehnte Aufforderung: „Diensthabender E zur Kombüse“. Dieser machte sich dorthin auf den Weg mit einer großen, aber mit ganz wenig Werkzeug gefüllten Tasche. Sie musste ja genügend Raum haben, um die Zusatznahrung darin transportieren zu können. Man begab sich gemeinsam zur Verpflegungslast und der Koch schloß auf. Mit Eifer begann der Elektriker dann die „Reparatur“ der Kühlanlage. Das dauerte und dauerte. Der Fehler war einfach nicht zu finden. So lange hatte der Smutje natürlich keine Zeit, denn er musste sich ja um die Zubereitung der Mittagsmahlzeit kümmern. Also sagte er dem Diensthabenden E, er solle ihm den Schlüssel gleich zurückbringen, wenn die Arbeit erledigt ist. Und so konnte der E–Gast dann in aller Ruhe und ungestört seine Werkzeugtasche füllen, die Beute im Deck unterbringen, den Schalter für das Kühlaggregat an der Hauptschalttafel wieder einschalten und noch einen Kontrollgang zur Kühllast durchführen, um sich davon zu überzeugen, dass die „Reparatur“ erfolgreich abgeschlossen wurde.
Zuletzt konnte er den Schlüssel wieder zur Kombüse bringen und dem Koch mitteilen, daß die Fehlersuche zwar ziemlich schwierig war, aber doch alles zum guten Abschluß gebracht werden konnte und daß die Kühlanlage wieder problemlos arbeitet. Als Dank für die gelungene Reparatur bekam er dann meist noch eine Wurst vom Koch geschenkt.
— Udo Hoppe
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