Keiner soll hungern ohne zu frieren
Gerd Kleinschmidt schildert die Odyssee der operativen Gruppe der Volksmarine nach einer Übungsvorbereitung der Verbündeten Ostseeflotten im polnischen Hel: stundenlanges Warten in Gdynia wegen der Landung Marschall Kulikows, ein eiskalter Nachtflug im Schneesturm mit einer MI-14, ein ungeheizter Bus zum Grenzübergang Kaminke, sowjetische Grenzsoldaten ohne Passiererlaubnis und schließlich eine überrannte Gaststätte in Greifswald – alles hungernd und frierend im Sommermantel.
Die Vorbereitungsphase für eine gemeinsame Übung der VOF war beendet. Alle Fragen waren geklärt und die notwendigen Dokumente erarbeitet. Die operative Gruppe der VM, zu der auch ein Teil des Führungspunktes des Chefs der KSSA gehörte und die ihr Lager im polnischen Marinestützpunkt Hel auf dem Versorger E-41 aufgeschlagen hatte, packte für den Rückmarsch.
Nach einem guten Frühstück zogen wir unsere Sommermäntel an, setzten die Schirmmützen auf, nahmen unsere privaten und dienstlichen Sachen (bis auf einen, der ließ seinen VS-Koffer stehen – aber das ist eine andere Geschichte ) und schifften uns auf einer offenen Barkasse ein, die uns nach Gdynia bringen sollte. Es war zwar Frühling befohlen, doch das hatte sich bis nach Polen noch nicht herumgesprochen, denn wir bibberten so bei etwa –5 Grad C. Nach der Überfahrt wurden wir auf PKW-Kübel verfrachtet und zum nahen Flugplatz gefahren. Es war vorgesehen, unsere Gruppe mit einem Hubschrauber der PSKF von Gdynia nach Darlowo und von dort mit einem Hubschrauber des MHG-18 in die Heimat zu fliegen.
Doch es kam alles etwas anders! Als wir auf dem Flugplatz in Gdynia ankamen, fuhren wir nicht zum Hubschrauber sondern wurden in einen Warteraum gebracht. Das hatte natürlich einen Vorteil - hier war es endlich wieder warm. Nun begann ein stundenlanges Warten. Am späten Nachmittag erhielten wir auf unsere Anfragen endlich die Antwort, dass der Oberkommandierende der Streitkräfte des Warschauer Vertrages, Marschall der Sowjetunion Kulikow, hier landen soll und bis zu seiner Landung absolutes Flugverbot ausgesprochen wurde. Da wir seit dem Frühstück nichts mehr gegessen hatten und unsere zusammengelegten Restzloty gerade für zwei Kaffee reichten, setzte bei allen ein gewaltiges Hungergefühl ein. Besorgt beobachteten wir, dass sich das Wetter zusehends verschlechterte. Starker bis stürmischer Wind und Schneefall setzten ein. Als wir endlich fliegen durften (bei der VM hätten wir auf Grund der Wetterlage nie eine Starterlaubnis erhalten ) war es bereits dunkel. Hunger!!!
Unser Hubschrauber war eine nagelneue MI-14 in der Seenotrettungsvariante. In der Mitte des Frachtraumes stand ein riesiger Treibstoffzusatzbehälter. Wir saßen mit dem Rücken zur Bordwand und es war saukalt! Als wir unsere Überflughöhe erreicht hatten, wollte der Pilot uns mit einer netten Geste die derzeitigen Wetterbedingungen zeigen und schaltete für ein paar Sekunden einen Scheinwerfer ein. Durch die Bordfenster konnten wir einen herrlichen Schneesturm sehen und am unruhig holprigen Flug natürlich auch spüren. Die Übelkeit bei einigen unserer seeerprobten Offiziere kam aber weniger vom Flug sondern mehr vom Hunger! Ich z.B. konnte die Worte „trockenes Brötchen“ kaum noch aussprechen. Stupide, hungrig und frierend hockten wir auf unseren Plätzen und starrten Löcher in die Luft des spärlich beleuchteten Frachtraumes.
Plötzlich begann es nach „Elektrik“ zu riechen. Schmorten hier irgendwelche Kabel? Sofort kam Leben in die unterkühlten Körper. Die ersten begannen schon zu klären, wer und wie nach erfolgtem Absturz und möglichem Überleben die Frau des anderen benachrichtigen sollte. Ich dachte mir, du musst was unternehmen, stand auf und klopfte an die Tür zum Cockpit. Die Tür ging auf, eine fremde Hand drückte mir einen Aschenbecher in meine Hand - die Tür ging wieder zu. Wir schauten uns verdattert an – nun gut, dachten wir, rauchen wir wenigstens noch eine vor dem Absturz! Der überdimensionale Treibstofftank vor unserer Nase spielte nun auch keine Rolle mehr. Wenigstens die Zigaretten schmeckten gut. Nach einer Weile bemerkte ich einen warmen Luftzug im Genick. Ich überprüfte sofort dessen Herkunft und siehe da, aus einem schwarzen Gummischlauch, der bei Notwendigkeit an einen Rettungsanzug angeschlossen werden konnte, strömte heiße Luft und da er wohl noch nie gebraucht wurde, roch es eben nach Elektrik. Ich steckte mir den Schlauch in den Hemdskragen und ließ mich erst einmal mit Wärme berieseln. Insgesamt waren vier solcher Schläuche vorhanden, so dass wir uns nacheinander aufwärmen konnten. Gegen 22.00 Uhr landeten wir wohlbehalten auf dem Flugplatz in Darlowo. Ein Bus brachte uns in ein Offizierswohnheim. Die Kantine hatte längst geschlossen, aber es gab wenigstens warme Betten !
Am nächsten Morgen hieß es zeitig aufstehen denn wir mussten so schnell wie möglich nach Warnemünde. Nach einem, für den Leser sicherlich verständlichen, ausgiebigen Frühstück fuhren wir mit dem Bus zu unserem Hubschrauber. Als Startzeit war 09.00 Uhr Ortszeit avisiert worden. Um 09.00 Uhr fehlte dann nur noch unsere Hubschrauberbesatzung. Wir fuhren zum Leitstand des Flugplatzes. Hier saß die Besatzung beim gemütlichen Kaffee und teilte uns mit, dass wegen extrem schlechten Wetters, das aus West kommend in Richtung Polen zog, der Flug abgesetzt war und auch in den nächsten 24 Stunden nicht möglich sein würde. Telefonate mit Gott, seinen Stellvertretern und einigen unterstellten hochrangigen Offizieren waren die Folge. Nach etwa zwei Stunden erhielt der Kommandeur des Flugplatzes vom Chef der PSKF den Befehl, uns mit einem Bus bis zum Grenzübergang Kaminke zu bringen.
Da die polnischen Genossen die selben Probleme zum selben Zeitpunkt hatten wie wir – nämlich Mangel an Treibstoffen - fuhr der Bus ohne Heizung bei Außentemperatur von nach wie vor - 5° C. Der Busfahrer hatte sich warm angezogen, Thermosflasche und Essen eingepackt und fuhr guter Dinge Richtung Kaminke. Als im Dunkeln plötzlich die Straße zu Ende war und wir vor einer Schilfkante standen, wussten wir, dass wir zwar am Haff, aber nicht an der richtigen Stelle waren. Nach längerem Suchen und Übersetzen mit der Fähre kamen wir, wieder mal hungernd und frierend, am Grenzübergang an. Der Busfahrer verabschiedete sich und wir standen mit unserem Gepäck auf der Straße.
Die sowjetische Grenzkontrollpunktbesatzung wusste natürlich nichts von unserem Kommen und ließ uns nicht passieren. Wieder endlose Telefonate. Inzwischen war es etwa 21.00 Uhr, also Filzlatschenzeit für Kommandeure und Befehlsgeber, die unser Problem hätten entscheiden können. Die Uhrzeit wurde uns übrigens auch durch unsere immer lauter knurrenden Mägen signalisiert. Da wir alle um die sowjetischen Soldaten einen wild diskutierenden Kreis gebildet hatten, war es einem unserer Offiziere gelungen, sich auf die deutsche Seite zu schleichen und dort im Kontrollpunkt zu verschwinden. Es musste nämlich auch geklärt werden, wo unser BARKAS war, der eigentlich am Grenzübergang bereitstehen sollte. Nach Telefonat mit dem OP-Dienst der 4.Flottille war klar, dass er pünktlich losgefahren war und längst da sein sollte. Wie sich später herausstellte, war der Fahrer in den Ort Kaminke gefahren und hatte dort natürlich vergeblich den Grenzübergang gesucht.
Als wir endlich von den sowjetischen Soldaten die Genehmigung erhielten, die Grenze zu passieren, stürmten wir zu unseren Kontrollpunkt in der Hoffnung auf Wärme. Aber weit gefehlt! Unsere Soldaten hatten Watteanzüge an und Pelzmützen auf und waren ja nur für ein paar Minuten zum alleinigen Zweck unseres Passierens gekommen. Kein Feuer, keine Wärme und wir im Sommermantel und Schirmmütze. Nach etwa 20 Minuten tauchten aus Richtung Kaminke zwei Scheinwerfer auf - unser Barkas! „Heizung auf maximal und los!“ war der knappe Befehl an den Fahrer. Bei der Einfahrt in Greifswald sahen wir eine beleuchtete Gaststätte. „Wir wollen gerade schließen“, stammelte der Kellner - er wurde überrannt. Satt und aufgewärmt verließen wir gegen 23.30 Uhr die Gaststätte. Unsere Odyssee hatte ein Ende und der Teilnahme an der Einweisung, die um 09.00 Uhr am nächsten Tag stattfinden sollte, stand nun nichts mehr im Wege.
— Gerd Kleinschmidt
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