Auszug aus dem 1898 erschienenen „Kleinen Buch von der Marine“ von Dr. Heinrich Schröder und Georg Neudeck, das Uli Korn zur Verfügung gestellt hat. Wiedergegeben werden das Vorwort sowie der Beginn des Abschnitts „VII. Der Dienst an Bord“ über Stab und Rollen an Bord eines Kriegsschiffes der Kaiserlichen Marine: Schiffsnummern, Wachen, Divisionen, die verschiedenen Rollen (Klarschiffs-, Verschluss-, Berge-, Feuerrolle usw.), Stationstabelle und Backsmannschaften. Fortsetzung in Teil 9.
Uli Korn hat uns ein im Jahr 1898 erschienenes Büchlein zur Verfügung gestellt. Es trägt den Titel „Das Kleine Buch von der Marine“. Verfasser waren ein Dr. Heinrich Schröder, Lehrer an der Kaiserlichen Deckoffiziersschule zu Kiel und ein Herr Georg Neudeck, Kaiserlicher Marine-Schiffsbaumeister. Im Vorwort schreibt Dr. Schröder:
Faksimile des Vorworts aus „Das Kleine Buch von der Marine“ (1898) Broschüre Teil 8, Seite 58Bildnachweis des Heftes: Fotos: Fischerei- und Hafenmuseum Saßnitz, Dieter Flohr, Internet, Ulrich Korn, Dieter Liebenau, Ralf Lindemann, Hans Mehl,
Vorwort.
Während meiner elfjährigen Thätigkeit im Dienste der Kaiserlichen Marine bin ich oft genug in Verlegenheit gekommen, wenn ich von Aussenstehenden nach einem Buche gefragt wurde, in dem sie über alle Verhältnisse der Marine — Geschichte, Organisation, Personal und Laufbahnen, Uniformen, Dienst, Schiffe u. s. w. — Auskunft finden könnten. Zwar giebt es genug Bücher über unsere Kriegsmarine; aber entweder verfolgen sie der Hauptsache nach Unterhaltungszwecke, oder sie bieten nur Einzelnes, oder sie sind zu teuer, daher wenig verbreitet und bald veraltet.
Dies brachte mich schon vor Jahren auf den Gedanken, ein Buch zu schreiben, das, frei von allem belletristischen Beiwerk, sich nur auf das Thatsächliche beschränkt, dies aber, soweit es nur irgend von allgemeinerem Interesse ist, erschöpfend behandelt. Im Verein mit meinem Freunde Neudeck hoffe ich hiermit diese Aufgabe gelöst zu haben. — Also:
Als kleine Kostprobe hier ein Auszug aus dem Abschnitt, der sich mit dem Dienst an Bord befasst:
Abbildung (Teil 8, S. 58–61): Faksimile der Seiten 98–101 „VII. Der Dienst an Bord“ aus „Das Kleine Buch von der Marine“ (1898)
VII. Der Dienst an Bord.
Stab. Rollen.
Jedes Kriegsschiff, das nicht im Dienste ist, liegt in einer der Kaiserlichen Werften, wo die durch den Dienst entstandenen Schäden ausgebessert und die als notwendig erkannten Änderungen ausgeführt werden (Fig. 116). Wenn es in Dienst gestellt werden soll, wird es vor seine Schiffskammer — einen Schuppen, in dem sein Inventar lagert — gebracht, und das Inventar und Material wird an Bord geschafft; ist es ein Schiff mit Takelage (Schulschiff), so wird diese von den Taklern der Werft angebracht.
Vorher schon ist der Stab des Schiffes designiert und die Mannschaft von den betreffenden Marineteilen ausgewählt. Der Stab eines Schiffes besteht aus dem Kommandanten, den übrigen Offizieren (Seeoffizieren, Maschineningenieuren, Ärzten), den Beamten (Zahlmeister, Prediger, Baumeister, Oberlehrer u. s. w.) und Seekadetten, sowie denjenigen Obermaschinisten, welche eine etatsmässige Ingenieurstelle versehen. Der älteste Offizier, welcher dem Kommandanten für den Zustand des Schiffes, die Mannschaften und deren Dienst verantwortlich ist, heisst der Erste Offizier, die übrigen Offiziere (Kapitänleutnants, Oberleutnants und Leutnants) Wachoffiziere. Auf grösseren Schiffen befindet sich ausserdem noch ein Navigations- und ein Batterieoffizier (in der Regel Kapitänleutnants) als zweit- und drittälteste Offiziere.
116. S. M. S. „Stosch“ im Trockendock. Nach einer Photographie von Arthur Renard, Kiel. Broschüre Teil 8, Seite 59Bildnachweis des Heftes: Fotos: Fischerei- und Hafenmuseum Saßnitz, Dieter Flohr, Internet, Ulrich Korn, Dieter Liebenau, Ralf Lindemann, Hans Mehl,
Gleich nach dem Eintreffen der Mannschaft wird diese für die verschiedenen Dienstverrichtungen („Rollen“) eingeteilt. Zu diesem Zwecke erhält jeder seine Schiffsnummer (1—999), die ihm für alle an Bord vorkommenden Übungen und Pflichten seinen besonderen Platz und seine besondere Aufgabe zuweist. Die Mannschaften mit ungerader Nummer gehören zur Steuerbord-, die mit gerader Nummer zur Backbordwache. Jede Wache wird in zwei „Hälften“, jede Hälfte in zwei „Quartiere“ eingeteilt („Wachrolle“). Die Mannschaften der Steuerbordwache tragen an dem blauen wollenen, weissen Parade- und dem Arbeitshemd auf dem rechten, die der Backbordwache auf dem linken Oberärmel rote Tuchstreifen (Wachstreifen). Im Hafen wechselt die Wache alle 24 Stunden, in See alle 4 Stunden. Für die Manöver (d. s. Übungen an Bord) wird die Mannschaft auf Schiffen mit Takelage eingeteilt in Freiwächter, Backsgasten, Fockmastdivision, Grossmastdivision und Kreuzmastdivision. Die Freiwächter zerfallen in aktive Freiwächter, welche nicht Wache gehen, aber an den allgemeinen Manövern teilnehmen, z. B. ältere Bootsmannsmaate mit besonderen Funktionen, Feuerwerksmaate, Zimmerleute u. s. w. — und inaktive Freiwächter, die nur bei „Klar Schiff“ an den allgemeinen Manövern teilnehmen, z. B. Stewards, Köche, Schreiber, Ökonomiehandwerker.
Ausser diesen Manöverdivisionen giebt es noch Musterungsdivisionen, die wieder in Korporalschaften und Geschützmannschaften eingeteilt werden.
Auf Schiffen ohne Takelage wird die Mannschaft in der Regel so auf die Divisionen verteilt, dass die I., II. und III. Division die Artilleriebedienung und Munitionsversorgung, und die IV. Division das Torpedo-, Manöver-, Lösch- und Leckpersonal und die Krankenträger, die V. Division das Maschinenpersonal erhält.
Unter „Rollen“ versteht man die Pläne für die Verteilung der Besatzung zu den verschiedenen Übungen („Manövern“). Die wichtigste Rolle ist die „Klarschiffs- oder Gefechtsrolle“. Durch sie wird die Mannschaft verteilt für die Bedienung der Artillerie, der Torpedowaffe, der Maschine, für die Manöver und Signale, das Lösch-, Leck- und Reparaturwesen, den Verwundetentransport und Verbandsplatz, als Takler, Scharfschützen in den Gefechtsmarsen, zu Schützenzügen und Enterdivisionen.
Das Signal für die Klarschiffrolle wird gegeben zur Übung mit der Trommel (Generalmarsch), zum Gefecht mit Trommel und Horn.
Das Signal zur „Verschlussrolle“ (5 kurz auf einander folgende Schläge mit der Schiffsglocke, mehrmals wiederholt) wird gegeben, wenn ein Leck entstanden oder zu befürchten ist.
Der Zweck ist das Schliessen aller Thüren in den wasserdichten Schotten und aller Schleusen sowie das Lokalisieren des etwa eingedrungenen Wassers. Die „Bergerolle“ hat den Zweck, die Mannschaft bei sinkendem Schiff zu retten; die „Feuerrolle“ verteilt die Mannschaft für den Fall eines Feuers an Bord; die „Torpedowachrolle“, um in der Dunkelheit feindliche Torpedobootsangriffe rechtzeitig zu bemerken und abzuwehren; die „Boots- und Landungsrolle“ für die Verwendung der Boote zum Gefecht und zur Landung; die „Divisionsrolle“ für Musterungen u. s. w.; die „Wachrolle“ für die Sicherheitswache; die „Backsrolle“ für das Backen und Banken (die Mahlzeiten); die „Reinschiffrolle“ für das Reinigen des Schiffes.
Ausserdem giebt es noch folgende Manöverrollen: für Vorbereitung zu „Klar Schiff“, Paradieren, Kohlennehmen, Aus- und Einsetzen der Boote, Ankern und Ankerlichten, Vorbereitung für schlechtes Wetter in See, und auf Schiffen mit Takelage: Segelmanöver.
Der Dienst und das ganze Leben an Bord ist streng geregelt. Jeder Mann erhält bei seinem Eintreffen an Bord, und wenn angängig, schon vorher seine Stationstabelle. Auf dieser sind verzeichnet: Schiffsnummer (Wachhälfte und Quartier der Wache), Division, Korporalschaft oder Geschütz, Back, Platz des Gewehrs, Stationen in den oben aufgeführten Rollen. Die Kleider, welche die Mannschaften in geteerten Kleidersäcken an Bord gebracht haben, werden in den angewiesenen Kleiderkasten verstaut und die Kleidersäcke abgeliefert. Dann werden die Hängematten, für jeden Mann eine Matratze, ein Matratzenbezug und eine oder zwei wollene Decken sowie zwei Handtücher ausgegeben. Für die Mahlzeiten wird die Mannschaft in Abteilungen (Backsmannschaften) zu 10 bis 14 Mann auf die „Backen“ (d. h. Tische) verteilt, die für die Mahlzeiten im Zwischendeck und in der Batterie aufgeschlagen werden. Ein Backsältester, der für jede Back kommandiert wird, gilt in Bezug auf den Backsdienst als Vorgesetzter der Backsmannschaft; zwei Leute (Backschaft und Hülfsbackschaft) haben das Essen zu holen, Proviant zu empfangen und Bänke und Essgeschirre zu reinigen; dieser Dienst wechselt wöchentlich. Das Essgerät (Essnapf, Trinkgefäss, Gabel, Löffel) wird geliefert und bei der Back aufbewahrt, ein Messer hat jeder sich selbst zu halten.
Für das ganze Verhalten an Bord ist eine Schiffsordnung aufgestellt, auf deren genaue Befolgung streng gehalten wird. Wir geben sie hier wieder nach dem Leitfaden für den Dienstunterricht bei der I. Matrosen- und I. Werftdivision.