---
title: "Bootsmannsrevier"
autoren: ["Armeerundschau 4/89 (Bernd Meyer, Manfred Uhlenhut)"]
quelle: "Marinekameradschaft KSS e.V., KSS-Broschüre Teil 9"
projekte: ["1159"]
schiffe: ["Berlin"]
zeitraum: "1989"
url: "https://die-geschichte-von-kss.de/geschichten/t09-bootsmannsrevier"
lizenz: "Texte unverändert; Rechte bei Marinekameradschaft KSS e.V. und den Autoren. Siehe https://die-geschichte-von-kss.de/quellen"
---

# Bootsmannsrevier

> Reportage aus der „Armeerundschau“ 4/89 über Stabsoberfähnrich Kurt Kroh, den Bootsmann des KSS „Berlin“, seine Aufgaben für die seemännische Kultur an Bord, das Messingputzen und Pönen sowie sein Hobby, das Knoten von Bootsmannsmaaten-Schnüren. Zugesandt von Wolfgang Peschenz.

> Anmerkung der Redaktion: Zugesandt hat uns die beiden folgenden Artikel Wolfgang Peschenz, der früher als Turbinenmeister auf der „Friedrich Engels“ gefahren ist. „Bootsmannsrevier“ – ein Artikel über den Oberbootsmann der „Berlin“ - erschien in der „Armeerundschau“ 4/89, Reporter waren Bernd Meyer und Manfred Uhlenhut. Der Beitrag „Auf Deck“ stand in der Zeitschrift „Sport und Technik“ Ausgabe 12/1986 und wurde von einem Siegfried Wagner verfasst. Im Mittelpunkt steht hier Uwe Dotzlaff, von 1984 bis 1991 Kommandant des KSS Pr. 133 „Lübz“.

*Abbildung (Teil 9, S. 36): Faksimile der Doppelseite „Bootsmanns Revier“ aus der „Armeerundschau“ 4/89 mit Fotos des KSS „Berlin“ und des Bootsmanns*

Seit Kuddeldaddeldu, weiland erfunden von Joachim Ringelnatz, ist bekannt, dass die besten Seeleute aus Sachsen kommen. Ringelnatz und sein Held stammten aus Wurzen, jenem Städtchen, dass auch durch seinen Zwieback berühmt ist. Stabsoberfähnrich Kurt Kroh, Bootsmann des KSS „Berlin“ stammt aus Schlotheim, der Seilerstadt in Thüringen. Derweil Ringelnatzens Kuddel kaum dem trockenen Zwieback seiner Heimatstadt dafür aber stets feuchterem Hochprozentigen zusprach, blieb unser Fahrensmann Kurt den Produkten seiner heimischen Industrie treu: Als Bootsmann hat er ein enges Verhältnis zu all den Trossen, Leinen und Schnüren, die auf seinem Schiff gebraucht werden.

Noch ehe wir ihm während einer Leningrad-Reise von Angesicht zu Angesicht gegenüber standen, wurden wir Zeugen seines Wirkens, denn jene fünf Mann, die die Leinen von den Pollern losmachten und das Laufbrett, genannt Stelling, einzogen, sind ihm als Bootsmanns-Kommando unterstellt. Beim Anlegen brachten sie dann die bessere – die Besucherstelling – aus, also jene, die den Schiffsnamen auf ihrer Leinenbespannung trägt. Sie rollten auch den roten Teppich aus, der außer der Beflaggung im Topp die Anwesenheit eines Admirals an Bord verriet.

Generell ist der Bootsmann für die seemännische Kultur auf dem gesamten Schiff, innen und außen, verantwortlich und in all den Arbeiten, die der Pflege des Oberdecks und seiner Aufbauten und der des Schiffskörper dienen, hat er Weisungsbefugnis gegenüber allen Matrosen und Maaten der seemännischen Abschnitte an Bord. Es stehen bereit: 40 Besen, 25 Schrubber, 10 Tweidel zum Trocknen des Oberdecks. Außerdem diverse Handfeger und Kehrbleche. „Die sind alle im Einsatz und müssten eigentlich ausreichend sein, um das Schiff auch nach großer Fahrt schnell wieder sauber zu bekommen“, befindet Kurt Kroh. Dass die „Berlin“ ein großes Schiff ist, sei allein schon daran zu ermessen, dass stets über 900 Messingschilder (Frage der Redaktion: Wer hat denn die gezählt ???) geputzt werden müssen, von den messignen Handläufen der Niedergänge gar nicht zu reden. Der Bootsmann: „Das beste Putzmittel ist Pasta Goli mit VK angerührt. Das gibt es aber nur auf sowjetischen Kriegsschiffen.“ Uns, die wir das erste Mal nach Leningrad reisten, fehlte diese Intimkenntnis des altgedienten Fachmannes vom Jahrgang 33, der schon seit seinem 20. Geburtstag auf Schiffen unserer bewaffneten Kräfte fährt, der Lehrgänge in Baku und Poti besucht hat und seine Besuche in sowjetischen Ostseehäfen gar nicht mehr zählen kann Und der vom Schwarzen Meer schwärmt, denn dort lernte er vor zehn Jahren in Poti und auf der ersten Ausbildungsfahrt sein Schiff kennen, mit dem er noch heute unterwegs ist. Seine Frau Lissy behaupte, so erzählt er, dass er von seinen über 35 Marinejahren bestimmt gut fünfzehn Jahre nicht zu Hause gewesen sei. Inzwischen ist er schon längst Großvater ….

Des Bootsmanns Abzeichen „Für Große Fahrt“ glänzt an der Landgangsjacke, die an Bord meist im Spind hängt. Die alltägliche Borduniform hat solchen Schmuck nicht. Sie wird zur Arbeit gebraucht, denn jeder Tag auf See ist ein Arbeitstag. Vom Reinschiff und vom Messing war schon die Rede. Genosse Kroh ist auch Herr der Farblast, jenes Raumes unter Deck, in dem die Farben aufbewahrt werden. Grün, Rot, Gelb, Schwarz, alle Signierfarben und natürlich das unvermeidliche Kriegsschiffs-Grau sind an Bord. Und das muss verpönt werden, was in der Seemannssprache „verstreichen“ heißt. Aber auch der Stabsoberfähnrich weiß nicht, wie viele Kilo Farbe in zehn Jahren auf der „Berlin“ schon verpönt wurden, oberhalb und unterhalb der Wasserlinie. Besonders oft ist der Anker dran, denn er wird unter Ostseeverhältnissen häufig benutzt und fast nach jedem Einsatz wieder geschwärzt. Einer alten seemännischen Weisheit zur Folge, sind in unseren heimischen Seegewässern die Schiffe nur selten weiter als hundert Meter vom Land entfernt – in der Senkrechten gemessen. Das noch etwas weiter über Grund schwebende Brett, von dem aus der Anker gepönt wird, heißt übrigens Bootsmannssitz, auch wenn dort kaum der Bootsmann, sondern ein (garantiert schwindelfreier) Matrose sitzt.

Natürlich ist Kurt Kroh auch schwindelfrei und garantiert seefest, wie er versichert. Aber ein Fünfundfünzigjähriger, der noch dazu Ältester an Bord ist, muss schon nicht mehr jeden Handgriff selber machen. Was hält ihn so lange auf seinem Schiff? – „Mir ist es wie ein Lebenselixier, mit all den jungen Leuten an Bord zu arbeiten, seien es nun Matrosen, Maate, Meister oder Offiziere. Da bleibt man beweglich im Denken und mit dem Körper.“

Auf den alten Segelschiffen hatte der Bootsmann auch deshalb Stand bei der Mannschaft, weil er den Rum ausgab. Bekanntlich gibt es das nicht mehr, denn wer heute zur See fährt braucht einen kühlen Kopf. Den Ringelnatzschen Kuddeldaddeldu, den ewig Beschwipsten, würde der Bootsmann überhaupt nicht an Bord lassen. Kurt Kroh ist bei der Mannschaft angesehen, auch wenn er nicht immer der liebe Papa ist, der den zwanzigjährigen Jungs auf die Schulter klopft. „Wenn was anliegt“ – so sagt es Matrose Jack Götschel vom Bootsmannskommando – „dann sagt es der Bootsmann ganz in Ruhe. Entweder man stellt es ab oder es gibt Ärger. Aber er macht das alles ohne Hektik, man kann mit ihm reden. Na, und das er jede Schraube an Bord kennt, ein Fuchs ist und ihm niemand was vormachen kann – das schafft ihm Ansehen!“

Selber meint der Stabsoberfähnrich, dass er auch hart sein könne, es dürfe keiner aus der Reihe tanzen, alles müsse eben klappen, auch wenn es einem mal schwer ankäme. Hat der vermutlich älteste Bootsmann der Volksmarine auch Marotten? Aber natürlich! So behauptet er steif und fest, nur auf den großen Schiffen, solchen wie seiner „Berlin“ fahren zu können. Denn: „Die Kleinen sind nicht meine Welt!“ Das zweite, was Kurt Kroh angibt, ist keine Marotte sondern ein richtig maritimes Hobby, wie es sich bei einem Bootsmann nicht besser denken lässt: Er knotet. Seine Bootsmannsmaaten-Schnüre sind gefragt. Manch hochrangigem „Berlin“-Besucher wurde eine als Erinnerungsstück überreicht. Und ohne Bootsmannspfeife an der Schnur mit dem langen Namen liefe der ganze militärische Betrieb an Bord nur halb so gut. Kurt Kroh hatte damals in Schlotheim übrigens Seiler gelernt. Und die besten Seeleute, die kommen ganz sicher nicht aus Sachsen, sondern aus Thüringen! Wetten?

— Armeerundschau 4/89 (Bernd Meyer, Manfred Uhlenhut)
