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title: "Kurs Gdynia"
autoren: ["Broschüre der Politischen Verwaltung der SSK der DDR (1957)"]
quelle: "Marinekameradschaft KSS e.V., KSS-Broschüre Teil 3"
projekte: ["50"]
schiffe: ["1-61", "Ernst Thälmann", "Blyskawica", "Shdanow", "Burza", "Gryf"]
zeitraum: "1957"
url: "https://die-geschichte-von-kss.de/geschichten/t03-kurs-gdynia"
lizenz: "Texte unverändert; Rechte bei Marinekameradschaft KSS e.V. und den Autoren. Siehe https://die-geschichte-von-kss.de/quellen"
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# Kurs Gdynia

> Leicht gekürzter Nachdruck eines Erinnerungsalbums von 1957 über den ersten Auslands-Flottenbesuch der Seestreitkräfte der DDR: Vom 29. Juni bis 2. Juli 1957 nahmen zwei KSS unter Leitung von Vizeadmiral Verner an den „Tagen des Meeres“ und der Flottenparade zum Tag der Polnischen Seekriegsflotte in Gdynia teil. Geschildert werden das erstmalige Setzen der Dienstflagge der DDR auf See, der Salut auf der Reede, die Parade, Empfänge und Begegnungen mit polnischen und sowjetischen Matrosen.

> Anmerkung der Redaktion: Dieses mittlerweile fast 50 Jahre alte Material hat uns Hartwig Niemann, ehemaliger Kesselgast auf dem KSS 1-61 (der späteren „Ernst Thälmann“), zur Verfügung gestellt. Es wurde im Juli 1957 von einer Redaktion erarbeitet, deren Mitglieder wir nicht mehr recherchieren konnten, und allen Teilnehmern des Flottenbesuches ausgehändigt. Wir wagen einen leicht gekürzten Nachdruck in der Hoffnung, daß sich kein eventueller Urheber auf den Schlips getreten fühlt. Solche historischen Zeugnisse dürfen einfach in keiner Versenkung verschwinden. Die aus heutiger Sicht manchmal etwas schwülstig-ideologische Sprache gehörte nun mal zur damaligen Zeit.

## Zum Geleit

Am 29. Juni 1957 liefen zwei Schiffe der Seestreitkräfte (SSK) der DDR zu einem Flottenbesuch in das befreundete Ausland aus, Kurs: Gdynia, Aufgabe: Teilnahme an den Tagen des Meeres, die vom 29. Juli bis 2. Juli 1957 in der VR Polen stattfanden. An Bord befand sich eine Delegation des Ministeriums für Nationale Verteidigung unter Leitung des Chefs der SSK, Vizeadmiral Verner. Ihr gehörten weiter an: Konteradmiral Neukirchen, Korvettenkäpitän Wunderlich und Korvettenkapitän Schneider. Allen Teilnehmern dieser ersten Auslandsreise ist dieses Erinnerungsalbum gewidmet. Möge es dazu beitragen, den Gedanken der unverbrüchlichen Waffenbrüderschaft zu den sowjetischen und polnischen Matrosen zu vertiefen.

## Wenn einer eine Reise tut, dann kann er viel erzählen

So heißt es im Volksmund, und mit diesem Sprichwort beginnen viele Reiseberichte. Man hat damit auf alle Fälle eine bequeme Einleitung. Aber nicht deswegen sei dieser Satz an die Spitze des Artikels gestellt. Es soll nur gesagt werden, daß auch unser erster Flottenbesuch im Ausland so viele Erlebnisse mit sich brachte, daß man große Tagebücher damit füllen könnte. Leider kann dieser Reisebericht nur einen Teil des Erlebten vermitteln. Und es bleibt so die Frage, was soll man erwähnen, was fortlassen? Es war so viel, was wir sahen und hörten, daß man, wie gesagt, tatsächlich nicht weiß, wo man anfangen und wo man enden soll. Es wird wohl das beste sein, wir beginnen beim Anfang.

Der Anfang war das Ende einer Übung. Tagelang hatten die Matrosen, Maate und Offiziere der Einheit Schneider auf ihrem Posten gestanden. Sie waren voll Begeisterung an ihre Kampfaufträge herangegangen, hatten bewiesen, daß sie in der Lage sind, die moderne Technik zu meistern. Und gleich, ob es die Funker, die Maschinisten oder Artilleristen waren, sie wussten mit guten Leistungen aufzuwarten und standen den anderen Einheiten in nichts nach.

Die anstrengende Übung war nun vorbei. Man freute sich auf den Landgang, den Urlaub und Entspannung, oder auch nur auf ein paar Stunden Ruhe ohne Gefechtsalarm. Denn die letzten Tage hatten es in sich und verlangten alles ab. Da kam der Befehl, die Schiffe unverzüglich und in kürzester Frist see- und paradeklar zu machen. Gar keine leichte Aufgabe, wenn man bedenkt, daß die Schiffe nach einer Übung schließlich nicht gerade besser aussehen als vorher. Es war schon ein ganz schöner Berg Arbeit, der bewältigt werden mußte, und die Genossen selbst waren durch die Anspannungen der vergangenen Tage ermüdet. Denn immerhin ist eine Übung ja keine Sommerfrische. Aber wenn die Redensart „Nur keine Müdigkeit vorschützen“ irgendwie Gültigkeit besitzt, dann unter Matrosen. Also ging es ans Werk. Mit Einsatzfreude und Schwung. Was der Einheit bevorstand, wussten die Besatzungen noch nicht. Aber jeder macht sich seine eigenen Gedanken, teilt sie wohl auch dem Nebenmann mit, und bald schwirren Gerüchte durch die Luft: „Es geht nach Leningrad“ meinen die einen, „nach Polen“ die anderen. Und einige ganz Kühne munkeln davon, daß es nach Schweden gehen soll. Dieser will es ganz genau wissen, jener fast genau. Auf jeden Fall liegt eine bedeutsame Sache in der Luft.

Aber trotz aller Vermutungen lässt man sich nicht von der eigentlichen Aufgabe abhalten, das heißt, das Schiff für die bevorstehende Aufgabe in einen einwandfreien Zustand zu bringen. Die beiden Schiffe glichen Bienenhäusern. Jeder Zentimeter wurde sorgfältig gesäubert, kleine Schäden wurden behoben, mit Pinsel und Farbtopf ging man den besonders unansehnlichen Stellen des Schiffskörpers zu Leibe, Schrubber und Feudel kamen nicht zur Ruhe und sehr viel Wasser wurde verbraucht. Doch am nächsten Tag war es so ziemlich geschafft und man konnte sich dann noch dem letzten Schliff widmen. Aber nicht genug damit. Schließlich gilt es vor einem Auslaufen noch an andere Dinge zu denken. Brennstoffvorräte, Verpflegung, Trinkwasser usw. mussten übernommen werden. „Ist genug Brot an Bord, ist genug Fleisch vorhanden, habt ihr an Getränke und Rauchwaren gedacht ...?“ Es war an alles gedacht; es wurde nichts vergessen. Und dann war ja auch noch jeder mit sich selbst beschäftigt. Man braucht, das ist klar, eine einwandfreie Paradeuniform, mehrere saubere Mützenbezüge usw. Am Abend des 28. Juni waren die letzten Handschläge getan. Die große Fahrt konnte beginnen.

Langsam legen am 29. die Schiffe ab. An Oberdeck sind die Besatzungen angetreten –das Orchester der Seestreitkräfte spielt Märsche. Auf den im Hafen liegenden Booten der Baltischen Flotte wird „Front“ gepfiffen; denn an Bord unseres Flaggschiffes befinden sich der Chef der SSK, Vizeadmiral Verner, sowie sein Stabschef, Konteradmiral Neukirchen. Wir passieren auslaufend die Mole Saßnitz und gewinnen die offene See. Jetzt wird es offiziell bekannt, welche Aufgabe die Einheit zu erfüllen hat. Nun wissen alle ganz genau, was vorher schon vermutet wurde: Wir nehmen am Tag der Polnischen Seekriegsflotte (PSKF) teil.

Überall wird über das bevorstehende Ereignis diskutiert, und eine erwartungsfrohe Stimmung erfüllt die Besatzung. Doch inzwischen ist die Dämmerung hereingebrochen. Graue Nacht und tiefschwarze See umfangen uns. Die Freiwachen begeben sich zur Ruhe, denn eine Mütze voll Schlaf tut gut. Die nächsten Tage dürften zwar erlebnisreich, aber anstrengend werden. Manch einer der Genossen muß seine Koje mit einem behelfsmäßigen Lager tauschen, denn das Schiff ist durch die Mitglieder der Delegation, durch die Begleitoffiziere und durch das Orchester überbelegt. Aber das nimmt man in Kauf. Es gab Genossen, die uns vor der Abreise sagten, daß sie auch gern als Reiseschreibmaschine mitkommen würden, wenn sie nur könnten.

Kurz vor 3.00 Uhr rasseln die Alarmglocken. „Besatzung auf dem Achterdeck antreten!“ Wenig später ist der Befehl ausgeführt. Der Chef der Flottille, Korvettenkapitän Schneider, richtet eine Ansprache an die Besatzung. Er teilt mit, daß erstmalig ein Schiff der SSK die Dienstflagge der DDR und auch die Flagge des Chefs der SSK führen wird. Er fordert die Genossen auf, die Fahne in Ehren zu halten und sich ihrer würdig zu erweisen. Dann erfolgt die Meldung an den Chef der SSK und pünktlich 3.00 Uhr werden die Flaggen unter den Klängen der Nationalhymne gehisst. Es ist ein besonders feierlicher Augenblick, denn zum erstenmal seit Bestehen der SSK wird die Dienstflagge, das schwarzrotgoldenen Banner mit dem lorbeerblatt-umkränzten Wappen der Republik am Mast emporgezogen, zum erstenmal wird die blaue Flagge des Chefs der SSK mit dem goldenen Anker und den drei goldenen Sternen gesetzt. Auch auf dem Schwesterschiff fand der feierliche Flaggenappell statt. Im Dämmerlicht des anbrechenden Tages erkennen wir schwach den langen, schmalen Kommandanten-Wimpel, der hoch oben im Mast im Wind flattert. Der Wimpel ist geteilt und zeigt auf dem vorderen Teil die schwarzrotgoldenen Farben, während der andere, in zwei Spitzen auslaufende Teil, einfarbig rot ist.

## Begegnung der Waffenbrüderschaft

Wir befinden uns etwa auf der Höhe von Kolobrczeg und noch über die Hälfte des Seeweges liegt vor uns. In den nächsten Stunden ereignet sich nichts Besonderes. Die Sonne steigt immer höher und je näher wir dem Ziel kommen, desto lebendiger wird es auf dem Schiff. Die letzten Vorbereitungen für den Besuch werden getroffen. Immer öfter begegnen uns Schiffe und Boote. An Steuerbord kommt Land in Sicht – die Halbinsel Hela, und gleich darauf zeigt sich an der Kimm, etwa im Nord-Osten ein Verband von Kriegsschiffen. Ein Kreuzer und zwei Zerstörer. Voraus kommt ein polnischer U-Jäger in rascher Fahrt auf uns zu. Die Grenze der polnischen Hoheitsgewässer ist erreicht. Inzwischen ist der U-Jäger herangekommen und geht bei uns längsseits. Ein Kapitänleutnant der PSKF, der als Verbindungs-Offizier fungiert, steigt über und wird vom Sekretär unserer Delegation, Oberleutnant Uhlendorf, begrüßt und zum Empfang durch den Chef der SSK in die Offiziersmesse geleitet.

Wir nähern uns immer mehr der Küste. Hela mit seinen Befestigungen ist deutlich zu erkennen. Auf der Reede von Gdynia ankert die Polnische Seekriegsflotte. Auf unseren Schiffen haben die Besatzungen Paradeaufstellung eingenommen. Zum Gruß steigt die polnische Kriegsflagge unter den Klängen der polnischen Nationalhymne am Mast unseres Schiffes empor. 21 mal erzittert das Flaggschiff der SSK der DDR unter dem Donner des Saluts. Drüben antwortet der polnische Zerstörer „Blyskawica“. 21 mal schlagen aus seinem vorderen Zwillingsturm feurige Blitze und Pulverdampf hüllt die Aufbauten des Flaggschiffes der PSKF ein. Während wir an den in Kiellinie vor Anker liegenden Schiffen der PSKF langsam vorbeifahren und unserem Ankerplatz zustreben, - jedes mal, wenn wir eines der Boote und Schiffe passieren, wird beiderseits „Front“ gepfiffen und die Offiziere leisten Ehrenbezeugung – ist der sowjetische Flottenverband herangekommen. Auch der Kreuzer schießt Landessalut und wieder antwortet die „Blyskawica“.

Wir haben unseren Ankerplatz erreicht und machen zusammen mit den sowjetischen Zerstörern in einer Reihe mit den polnischen Zerstörern an den für uns vorgesehenen Bojen fest. Doch der sowjetische Kreuzer, es ist die „Shdanow“, ein Schiff der durch die beiden England-Besuche bekannten Swerdlow-Klasse, strebt der Hafeneinfahrt von Gdynia zu, um an einem der Kais dieses großen Hafens festzumachen. Doch mit welcher Geschwindigkeit dieser Kreuzer in den Hafen einläuft, ist bewundernswert. Man kann sich jetzt erst so recht ein Bild machen, was für Augen die Offiziere der Marine ihrer Majestät gemacht haben, als die „Swerdlow“ und später die „Ordshonikidse“ im britischen Kriegshafen Portsmouth vor Anker gingen.

In rascher Fahrt kommt eine moderne Barkasse der PSKF bei uns längsseits und nimmt die deutsche Delegation an Bord. Sie fährt zur Festveranstaltung im Volkstheater von Gdynia. Kurze Zeit darauf legt ein Schlepper an, um einen Teil der Besatzung zu einer Filmveranstaltung im Klubhaus der Garnison von Gdynia zu bringen. Ein neuer polnischer Film „ Die Tochter des Kapitän Murawicz“ wird hier uraufgeführt. Schon jetzt kommen erste Kontakte sehr schnell zustande. Zunächst weiß man nicht, wie man sich verständigen soll, doch sehr bald stellt sich heraus, daß einige der polnischen Matrosen die deutsche Sprache recht gut beherrschen, und schon werden erste Gespräche angeknüpft. Man bietet sich gegenseitig eine Zigarette an und unterhält sich über dieses und jenes. Einer der polnischen Matrosen verteilt an unsere Genossen Briefmarken, damit sie einen Gruß aus Gdynia heimschicken können. Wie die Überfahrt war, werden wir gefragt. Das Wetter sei ja recht schön, ja, das Wetter sei schön. Es sind eigentlich Belanglosigkeiten, über die man zunächst spricht. Aber trotzdem bahnen diese Gespräche ein gutes Verhältnis an, das sich in den nächsten Tagen noch verstärkte und vertiefte.

Inzwischen ist es Abend geworden. Die Reede von Gdynia, die den ganzen Tag von Kuttern, Segelbooten und Barkassen stark belebt war, erstrahlt in hellem Glanz der in vielen Farben illuminierten Schiffe. Es ist ein festliches Bild, und vor allem die Matrosen der beiden polnischen Zerstörer haben sich die größte Mühe gegeben, um besondere Effekte zu erzielen. Es mutet wie die Leuchtreklame an einem Warenhaus in einer modernen Großstadt an, wenn die Lichter aufflammen und wieder verlöschen und in kurzen Intervallen nacheinander den Schiffskörper, die Aufbauten und die Masten beleuchten. Auf dem Achterdeck unseres Schiffes haben die Genossen des Orchesters ihre Instrumente ausgepackt, spielen Märsche, Unterhaltungsmusik und Tanzmelodien, und besonders das Trio des Orchesters findet mit seinen Seemannsliedern herzlichen Beifall. So wird dieser erste Abend in Volkspolen auf der Reede von Gdynia zu einer Art Bordfest, an dem die ganze Besatzung mit Freuden teilnimmt.

Strahlend heller Sonntagmorgen. – Die Schiffe haben über die Toppen geflaggt und so ein festliches Gewand angelegt, und die Matrosen haben sich Paradeuniform angezogen. Heute ist der „Tag der Polnischen Seekriegsflotte“. Heute findet die große Flottenparade statt, an der auch unsere Schiffe teilnehmen. Eine Barkasse bringt die deutsche Delegation nach Gdynia, denn um 10 Uhr beginnt in der Stadt eine Parade von Marineeinheiten. Die Straßen sind voller Menschen. Sie strömen zum Kundgebungsplatz, um Augenzeuge der Parade zu werden. Hinter der Tribüne treffen wir Landsleute. Genossen aus den Bezirken Neubrandenburg und Rostock, die sich während der „Tage des Meeres“ in Gdynia und Gdansk aufhalten, werden freudig begrüßt. Auch die Delegation der Baltischen Rotbannerflotte (BF) mit ihrem Befehlshaber, dem Genossen Admiral Charlamow an der Spitze, trifft ein.

Dann kommt Bewegung in die Menschenmasse, die sich hinter der Tribüne angesammelt hat. Ministerpräsident Cyrankiewicz, der Minister für Nationale Verteidigung Volkspolens, Waffengeneral Spichalski, der Stellvertreter des Ministerpräsidenten, Zenon Nowak und der Oberbefehlshaber der PSKF, Konteradmiral Wiesniewski entsteigen ihren Autos. Der Ministerpräsident hält eine Ansprache an die Bevölkerung des Küstenbezirks, würdigt die Leistungen in der Produktion und fordert sie auf, weitere Taten beim Aufbau des Sozialismus in Polen zu vollbringen. Den Matrosen, Maaten und Offizieren der PSKF wünscht er weitere Erfolge in der Ausbildung zum Schutz ihrer sozialistischen Heimat.

Die Parade beginnt. An der Spitze marschiert das Musikkorps auf, bestehend aus dem Musikzug, dem Fanfarenzug und den Trommlern. Anschließend defilieren Marschblöcke der Marine und der Marineinfanterie sowie der Flakartillerie an der Tribüne vorbei. Polnische Mädchen in bunten Volkstrachten laufen über den Platz und überreichen den Staatsmännern sowie den ausländischen Gästen Blumensträuße. Junge Pioniere beschließen mit einer eindrucksvollen Demonstration die Parade.

Inzwischen ist es auf den Molen und am Strand von Gdynia lebendig geworden. Tausende von Menschen drängen sich, um die Flottenparade anzusehen. Andere sind auf Kuttern, Segelbooten und Barkassen hinausgefahren, um diese Schauspiel aus allernächster Nähe zu betrachten. Ein TS-Boot mit dem Ministerpräsidenten und dem Minister für Nationale Verteidigung Volkspolens sowie den Befehlshabern der drei befreundeten Flotten an Bord läuft in rascher fahrt aus dem Hafen von Gdynia. Das Boot stoppt vor jedem Schiff. General Spichalski begrüßt jede Besatzung, und die Matrosen, Maate und Offiziere antworten ihm mit der entsprechenden Formel.

Wir freuen uns, daß die polnischen und sowjetischen Genossen für unsere Besatzungen lobende Worte finden. Unsere Schiffe hinterlassen einen ausgezeichneten Eindruck, und auch die Gäste aus dem westlichen Ausland –englische und französische Marineoffiziere und Jounalisten – kommen nicht umhin, verwunderte wie anerkennende Worte zu äußern.

Plötzlich ein Dröhnen und Rauschen über uns in der Luft! Düsenbomber und Düsenjäger der polnischen Luftstreitkräfte überfliegen in geschlossenen Staffeln die Reede von Gdynia. Es ist ein Bild militärischer Kraft und Stärke. Es ist zugleich ein Bild der Waffenbrüderschaft zwischen drei befreundeten Ländern. Kutterwettkämpfe, Landungsübungen und Vorführungen verschiedener Art schließen sich der Parade an. Es war ein erlebnisreicher Vormittag und wir sind gespannt auf die nächsten Stunden und auf den Montag, der uns sicher noch weitere Erlebnisse bringen wird.

Der Sonntagnachmittag steht im Zeichen der Empfänge. Delegationen in Stärke von etwa 15 Mann begeben sich zum Mittagessen auf die Schiffe der PSKF und verbringen dort einige nette Stunden. Die Zerstörer „Burza“ und „Blyskawica“ und das Schulschiff „Gryf“ bewirten unsere Genossen aufs beste und wie man hört, herrscht überall eine frohe und ausgelassene Stimmung. Freundschaftsgeschenke werden getauscht, und die Unterhaltung ist in gutem Fluß.

Inzwischen hat sich auch eine Delegation von Offizieren für einen Empfang im Haus der Offiziere fertiggemacht. Wir machen uns zeitig auf den Weg, um vorher noch einen Bummel durch die Stadt zu unternehmen. Auf den Straßen herrscht noch immer ein feiertägliches Treiben. Eisverkäufer bieten ihre Ware an, vor den Kiosken drängen sich die Spaziergänger, um Zigaretten, Bonbons und Obst zu erstehen, und auch ein Teil der Lebensmittel-Geschäfte hat geöffnet. Auf den Promenaden quirlen die Menschen buchstäblich durcheinander.: Männer und Frauen mit ihren Kindern, sowjetische und deutsche Matrosen, Soldaten der polnischen Volksarmee, polnische Matrosen mit ihren Mädchen. „Ist das immer so?“ fragen wir den polnischen Offizier, der uns begleitet. „Was?“ – „Nun, dieser Betrieb, dieses Leben auf den Straßen!?“ „Ganz so wie heute ist es nicht. Heute ist ja Feiertag und da sind viele Menschen auch aus der Umgebung hier. Aber Betrieb ist eigentlich immer.“ Dieser Menschenstrom, der die Straßen hinauf und hinunter fließt, ist wirklich imponierend. Ein paar „Pobjeda“ und „Warschawa“ fahren an uns vorbei, einige ältere Wagentypen, und dann treffen wir Bekannte: Hinter einer Straßenkreuzung parkt ein „IFA F 9“ und auch ein „Wartburg“. Wir sehen uns alles genau an. Die zahlreichen neuen Bauten, die die vom Krieg gerissenen Lücken schließen, die eben erst fertiggestellten Häuser eines neuen Wohnviertels, die Auslagen in den Geschäften, die Reklame. Mit einem Wort all das, was eben sehenswert und interessant ist.

Mittlerweile ist es Zeit geworden, sich ins HdO zu begeben. Unterwegs haben wir ein kleines Erlebnis am Rande, das aber doch mit den stärksten Eindruck hinterlässt und unauslöschlich in der Erinnerung haften bleibt. Mitten auf der Straße stürzt ein polnischer Marineoffizier auf einen unserer Genossen zu. Sie umarmen sich, hauen sich vor Freude gegenseitig auf die Schulter und umarmen sich immer wieder. Zwei Freunde haben sich getroffen. In Leningrad besuchten sie gemeinsam die Akademie. Nun sehen sie sich wieder.

Im HdO ist die Tafel reichlich gedeckt. Jeder erhält seinen vorgeschriebenen Platz, wobei es die polnischen Gastgeber so eingerichtet haben, daß die deutschen und sowjetischen Offiziere in bunter Reihe zwischen den polnischen Offizieren und deren Frauen sitzen. Zunächst ist alles noch etwas steif. Man verbeugt sich, sagt „Guten Abend“, oder sofern man kann auch „djen dobri“ oder „dobri wetscher“ und ist verlegen, weil man nicht weiß, wie es weitergehen soll. Man schaut sich gegenseitig an, lacht und versucht radebrechend, mit Unterstützung der Hände, eine Unterhaltung in Gang zu bringen. Der Anfang ist gemacht, und es geht ganz gut. Die paar Brocken Russisch reichen aus, um sich wenigstens etwas zu verständigen, zumal verschiedene polnische Genossen im Deutschen wie im Russischen etwas bewandert sind.

Zunächst drehen sich die Gespräche um das Wetter und einige andere Belanglosigkeiten. Doch schließlich kommt man ins Hunderste und Tausendste, denn der Wodka-Wybrychowa löst die Zunge und schließlich stellt man fest, daß die Verständigung besser klappt, als man vorher zu hoffen wagte. Ich selbst habe das Glück, neben einer Polin zu sitzen, die die deutsche Sprache sogar sehr gut beherrscht und somit auch in den schwierigen Fällen die Verständigung ermöglicht. Sie erzählt, daß sie Mutter von drei Kindern ist, daß sie kürzlich eine nette Neubau-Wohnung erhalten hat und daß ihr Mann seinen Dienst als Offizier auf einem U-Boot versieht. Wir sprechen über das Leben in Polen und in der DDR, über die Preise und das Warenangebot, über Radios und Kameras. „Wo haben sie nur so gut deutsch sprechen gelernt?“ frage ich. „Gut?- Sie schmeicheln!“ „Nein, keineswegs, Sie sprechen wirklich ein sehr gutes Deutsch – wenn ich so gut polnisch sprechen könnte, wäre ich froh.“ „Ja, ich liebe die deutsche Sprache. Aber ich erlernte sie unter hässlichen Umständen.“ Ihr Gesicht hat sich verfinstert und eine Weile sagt keiner von uns ein Wort. Und dann setzt sie erklärend hinzu: „Ich war Fremdarbeiterin in Deutschland – in Wittstock. Vier Jahre lang. Wir mussten deutsch sprechen. Wer es nicht konnte wurde geschlagen. Wir wurden deswegen oft geschlagen.... Aber ich freue mich, daß ich die deutsche Sprache erlernte und jetzt auch mit deutschen Freunden sprechen kann.“

Wir schauen uns an und verstehen uns. Und unvermittelt greift sie zu einer der Schüsseln, hält sie mir hin und fordert mich auf: „Aber bitte, nehmen Sie doch noch etwas Salat; essen Sie! Wir wollen nicht mehr von dem Bösen reden. Das ist vorbei!“ „Ja, das ist vorbei“ entgegne ich. „Aber darüber reden, was früher war und heute ist, das soll man und muß man. Wir Deutschen tragen gegenüber dem polnischen Volk eine große Schuld.“ „Aber jetzt sind wir ja Freunde.“ „Natürlich, was die DDR betrifft. Aber leider gibt es auch ein NATO-Deutschland.“ „Ja, leider. Aber wir vertrauen dem deutschen Volk, und wir vertrauen vor allem der DDR, unserem Freund. Trinken wir auf die Freundschaft!“ So verläuft ein unvergesslicher Abend. Trinksprüche und Tanzrunden unterbrechen die Unterhaltung an der Tafel, und die Stimmung steigt von Stunde zu Stunden. Wenn es am schönsten ist, soll man aufhören, heißt es. So halten auch wir es. Ein großes Feuerwerk über der Reede gibt dem Tag einen festlichen Ausklang.

Am Montag laufen unsere Schiffe in den Hafen von Gdynia ein. Kaum haben wir an der Pier festgemacht, da sammeln sich auch schon zahlreiche Menschen, vor allem Werft- und Hafenarbeiter, und sehr schnell beginnt das freundschaftliches Gespräch. Die polnischen Arbeiter möchten wissen, wie man in der DDR lebt und unsere Matrosen haben ebenfalls eine Menge Fragen. So dreht sich die Unterhaltung zunächst fast immer um solche jeden berührende Dinge wie Löhne , Preise, Mieten, soziale Einrichtungen usw. Und bald sind die eifrigsten Diskussionen über politische, wirtschaftliche und kulturelle Fragen im Gange. Es sind fruchtbare Unterhaltungen von beiderseitigem Nutzen, denn man bekommt Einblick in die Verhältnisse des Landes, lernt die Erfolge kennen und begreift die Schwierigkeiten, mit denen hier gerungen wird. Man macht sich mit den Auffassungen und Meinungen der polnischen Menschen vertraut und gewinnt die Überzeugung, daß das polnische Nachbarvolk unser treuer Freund ist. Und umgekehrt gilt das gleiche.

Die Genossen, die an diesem Tag nach Gdansk fahren, können sich dann auch aus eigener Anschauung über das Leben in Polen informieren und sich von den Aufbau-Erfolgen, sei es im Wohnungsbau, sei es in der Industrie, überzeugen.

Ein andere Teil der Besatzung hat das Glück, an Bord des Kreuzers „Shdanow“ zu gehen. Die meisten sind zum erstenmal in ihrem Leben auf einem so riesigen Kriegsschiff. Es ist einfach überwältigend, diese Kampftechnik, diese Größe und Kraft. Wir werden überaus herzlich empfangen, und sofort ist ein enger Kontakt hergestellt. Das Orchester unserer SSK gibt ein Bordkonzert, das den stürmischen Applaus der sowjetischen Matrosen erntet, und dann singt, spielt und tanzt die Kulturgruppe des Kreuzeres für ihre deutschen und polnischen Gäste. Wieder gibt es begeistert aufgenommene Ansprachen, wieder werden Geschenke überreicht. Mit einem dreifachen „Hurra“ und mit „Drushba“ verabschieden wir uns , bereichert um ein schönes Erlebnis.

Der Dienstagmorgen kommt mit trüben Wolken und unfreundlichen Regenschauern. Unsere Abreise steht bevor. Doch am Pier stehen die Menschen, mit denen wir uns gestern so herzlich unterhielten, um uns „Auf Wiedersehen“ zu sagen. Konteradmiral Wisnieski betont in seiner Abschiedsrede, daß zum erstenmal in der Geschichte deutsche Flotteneinheiten nach Polen gekommen waren und das dieser Besuch unserer Freundschaft und Waffenbrüderschaft einen großen Dienst erwiesen hat. Und er wünscht uns große Erfolge in der militärischen und politischen Ausbildung zum Nutzen unserer gemeinsamen guten Sache.

Drüben löst sich der Kreuzer „Shdanow“ vom Kai und wird von zwei Schleppern aus dem Hafenbecken bugsiert. Die Matrosen sind an Oberdeck angetreten; die Bordkapelle intoniert Märsche. Lebt wohl, Genossen! Gute Fahrt und viele Erfolge!

Dann ist es auch für uns so weit, ein letztes Winken vom Pier, und unter den Klängen der Märsche des Orchesters der SSK legen wir ab. „Auf Wiedersehen, Freunde, und besucht uns bald in der DDR!“ Bis zur Grenze der polnischen Hoheitsgewässer gibt uns die „Blyskawica“ das Geleit. – In der Ferne versinkt langsam das Land ...
